Warum der Glaube an die Hölle die Liebe zerstört

Jesus redet in der Bibel 11mal davon, dass es einen Ort gibt, an dem Menschen enden, wenn sie den Gott der Liebe und das Gesetz der Liebe ablehnen. Er beschreibt diesen Ort als schmerzvoll, angstvoll, einsam, tödlich. Wir alle würden ein Leben ohne Liebe so beschreiben.
Und ja, Jesus spricht auch von einem Gericht. Etwas, wonach sich Milliarden misshandelte und gefolterte, gedemütigte und ausgebeutete Menschen sehnen: Gerechtigkeit. Schutz.
Wovon Jesus nie gesprochen hat, ist die Vorstellung, dass Gott Menschen für eine Ewigkeit bei Bewusstsein quälen wird. Daran glauben aber Millionen Christen weltweit – Baptisten wie Katholiken. Adventisten nicht. Und lange war mir nicht klar, wie krass es ist an einen Gott zu glauben, der Menschen ewig foltert – wohlmöglich noch aus dem Grund, dass sie nicht an die Bibel geglaubt haben oder Jesus nie kennengelernt haben. Oder ihn abgelehnt haben, weil sie ihn nur negativ assoziieren. Obwohl sie doch herzensgute Menschen waren.
Ich schreibe über dieses Thema, weil ich in letzter Zeit mehreren Personen im Internet begegnet bin, die festgestellt haben: Die Hölle gibt es in der Bibel gar nicht! Und die beschrieben haben, was diese Idee von einem Gott mit ihnen gemacht hat, der das Leid auf dieser Welt nicht beendet, sondern in einer noch viel grausameren Weise fortführt. Einer von ihnen ist Brian Recker. Das Interview mit ihm habe ich hier im Podcast angehört.[1] Er hat das Buch „Hell Bent“ geschrieben. Untertitel: „Wie die Hölle Christen davon abhält an eine Spiritualität der Liebe zu glauben.“ [2] Wer sich von diesem Glauben abwendet, tut es aus einem Grund: Er ist unvereinbar mit dem Prinzip der Liebe. Wäre ich kein Adventist – vielleicht wäre ich auch Atheist. Wahrscheinlich eher moderner Buddhist.
Wir können davon ausgehen, dass aufgrund ihrer Kirchenzugehörigkeit etwa 1,5 Milliarden Menschen auf dieser Erde gelernt haben: Gott wird alle bösen Menschen einmal auf ewig quälen. Viele glauben sogar: alle nicht-Christen. Meine kritischen Fragen sind: Ist eine unendliche Strafe für ein begrenztes Unrecht gerecht? Es könnte wohl nicht unverhältnismäßiger sein. Kann man einen Gott überhaupt lieben, von dem man glaubt, dass er Menschen unendlich quälen wird? Kann es überhaupt ein hässlicheres Gottesbild geben? Kann es überhaupt einen Gedanken geben, der einem Menschen noch mehr Angst einflößen könnte? Kann es irgendein Konzept geben, dass noch unmenschlicher und böser wäre?
Brian beschreibt in diesem Interview, wie zentral dieser Glaube an die Hölle für die Kirche war, die er besucht hat. Alles drehte sich um dieses Thema: Wie können wir verhindern in diese Hölle zu kommen? Wir können wir verhindern, dass andere Menschen in diese Hölle kommen? Darf ich fragen: Geht es hier nicht sogar darum, Menschen vor Gott zu retten? Angst ist hier der zentrale Motivator für ein Leben mit Gott und Mission. Kannst du dir vorstellen, was das mit kleinen Kindern macht, so etwas zu lernen? Dazu die ständige Unsicherheit, ob man es überhaupt in den Himmel schafft. – Ich kann mir kein schrecklicheres Leben vorstellen. Keine furchtbarere Religion. Aber es ist normal – für Milliarden Christen weltweit.
Ich lerne daraus: Menschen retten sich in den Atheismus und Esoterik oder Buddhismus weltweit. Alles ist besser als so etwas zu glauben. Man muss ja seinen Verstand spalten, um an einen Gott zu glauben, der Liebe ist und Liebe befielt und selbst Menschen mit der schlimmsten Folter droht und sie dann für immer fortführen will. Wenn Menschen mit der Bibel nichts zu tun haben wollen, dann sollten wir vermuten, dass sie eine furchtbare Version davon kennengelernt haben. Denn sie ist weit verbreitet. Manchmal sind die nicht-Christen die gesünderen. Jene, die mehr an Liebe glauben.
In den letzten Wochen habe ich eine Bekehrung in Sachen Pferdetraining und Horsemanship erlebt. Online bin ich auf Dr. Nadine Lindblom gestoßen und war tief beeindruckt. Ich habe von ihr gelernt, dass es vier verschiedene Arten des Lernens gibt: Durch Belohnung (etwas zusätzliches Angenehmes), negative Verstärkung (Erleichterung), positive Strafe (Hinzu-Strafe) und negative Strafe (Entzugs-Strafe). Pferde, die durch Belohnung trainiert werden, werden lebendig, voller Energie, kommen freiwillig, lieben das Training.
Ich selbst habe aber oft nur mit Strafe oder der Erleichterung von Druck trainiert. Es funktioniert. Aber es ist die schlechteste Art. Es erzeugt nur Gehorsam. Keine Freude. Und keine Freiwilligkeit. Sie bleiben nur, wenn man sie festhält. Sie tun nur, was sie müssen. Wie anders die Pferde von Lindblom: Sie kommen, sie wollen, sie springen vor Freude, sie lieben es bei ihr zu sein, sie machen die Übungen freiwillig aus Spaß – sie brauchen kein Halfter und keinen Strick.
Wie vielen Menschen wurde der Glaube so gelehrt? Du musst glauben, weil wenn nicht… dann erwartet dich Schlimmes. Laut den offiziellen Lehren sind es Milliarden. Weil sie frei sind, gehen sie lieber. Wir brauchen doch einen Gott, der das Leid lindert und nicht, der es vermehrt!
Ich frage mich, wie viele Tränen Gott deshalb weint, weil wir Menschen glauben, dass das Leben ohne ihn schöner wäre. Dass wir in ihm ein Monster, einen Sadisten, einen Diktator sehen. Dass die Menschen ihn hier so präsentieren, predigen, malen, erklären. So hart, so fern, so irrelevant für Menschen im 21. Jahrhundert. Weil die Menschen heute endlich die glücklichsten sind? Weil unsere Welt endlich so liebevoll ist, dass wir es auch ohne Gott schaffen? Weil Gott nur etwas ist für hungernde und trauernde Menschen?
Ich glaube an Gott – nicht, weil ich Angst vor einer Hölle habe. Ich glaube an ein Gericht und an einen ewigen Tod als Erlösung des Leidens. Aber ich lebe nicht aus Angst nicht in den Himmel zu kommen mit Gott. Ich lebe mit Gott, weil ich Eltern hatte, die mir Gott als das Attraktivste vermittelt haben, das ich mir überhaupt nur vorstellen kann. Und ich lerne ein Leben lang: Was nicht attraktiv ist, ist nicht Gott. Was nicht Liebe ist, ist nicht Gott. Was nicht gut ist, fliegt aus meinem Gottesbild raus. Was Menschen kaputt macht, das kann nicht Gott sein.
Ich habe gelernt zu glauben, dass Gott für all dass Gute in meinem Leben verantwortlich ist. Dass er aus all dem Schweren etwas Gutes für mich herausholen will. Dass er nah und liebevoll ist. Und dass ein Leben in Liebe sein einziges Gebot und die schönste Version überhaupt ist durch diese Welt zu gehen. Dass ihn jeder Schmerz noch mehr als uns schmerzt. Dass er noch selbst die Bösesten von Herzen liebt, die wir nicht mehr lieben können. Dass er in den Herzen sieht, was wir nicht sehen. Und dass jeder Mensch aus jeder Religion, der das Gute liebt und will, sein Kind ist, auf das ein Festessen beim großen Wiedersehen im Himmel wartet. Dass er Geduld hat und uns Zeit gibt – nicht um perfekt zu werden, das brauchen wir nicht. Sondern um immer mehr zu verstehen, dass er schöner, besser, liebevoller und gnädiger ist als wir dachten. Und so anders, als die Welt ihn oft beschreibt.
Ich habe das nicht immer so geglaubt. Aber seitdem ich mich dazu entschieden habe, alles andere nicht mehr zu glauben, fühle ich mich erlöst: frei, glücklich, friedevoll, zuversichtlich, geborgen in Gott.
Dank diesem Glauben habe ich keine Angst. Ich feiere Gott aus Dankbarkeit heraus. Ich finde ihn in jedem Genuss. Ich sehe seinen Geist in jeder freundlichen Tat. Ich brauche kein furchtbares Leid, um zu Gott zu kommen. Ich kann sehen, dass er die Lösung für diese Welt ist: die einzige Medizin, die diesen Wahnsinn heilen kann. Ich lebe mit Gott, weil er so guttut, dass es ohne ihn so viel trauriger ist. Ich wünschte mir, die ganze Welt dürfte so glauben!
[2] Hell Bent: How the Fear of Hell Holds Christians Back from a Spirituality of Love



Wie immer ein wundervoller Beitrag! Vielen lieben Dank dafür. Ich glaube, ich habe keine Angst im Leben, eben, weil ich glaube. Weil ich daran glaube, dass es Gott gibt. Ich weine, weil es ihn gibt, nicht, weil ich daran zweifel. Und wenn er mir eines lernt, dann, dass ich zu ihm kommen werde. Irgendwann, wenn er mich braucht. Vielleicht, um seine Tränen zu spüren, zu sehen und zu heile. Oder, weil er mir zeigen will, dass es noch etwas schöneres gibt. Ich bin glücklich, weil er mich liebt! 😭 ☺️