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Glauben lernt man nur durch Irren

12. Juli
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Juli


Lernen ist korrigiert-werden


Vor kurzem hat mir meine Freundin meine erste Reitstunde im Westernreiten gegeben. Ich reite mein ganzes Leben lang – aber ich habe noch nie etwas über das Westernreiten gelernt. Trotz all meiner Reiterfahrung habe ich mich plötzlich wieder wie eine Anfängerin gefühlt. Und meine Aufgabe bestand vor allem darin: Die Dinge anders zu machen als wie ich es mein ganzes Leben lang gewohnt war. Die Zügel lockerer, die Arme breiter, die Schenkel woanders, … Und ich habe mal wieder gemerkt: Lernen besteht vor allem darin: korrigiert zu werden. Liebevoll, freundlich, ermutigend, aber beharrlich. „Noch ein bisschen tiefer, nimm den inneren Schenkel ran, lass die Zügel ein bisschen lockerer. Ja, genau so! Siehst du, jetzt klappt es. Versuch es nochmal…“


Wachstum heißt Veränderung


Wachstum ist Veränderung. Meine Tomaten habe ich vor vielen Monaten ausgesät. Jede Woche, jeden Monat sahen sie anders aus – weil sie gewachsen sind. Hätten sie immer gleich ausgesehen, wäre das ein klarer Hinweis dafür, dass das Wachstum stagniert hat. Das gleiche gilt für meinen kleinen neugeborenen Neffen. Weil er wächst, muss ich ihn immer neu kennenlernen, wenn ich ihn nach ein paar Monaten wieder besuche. Jedes halbe Jahr ist er ein anderes Kind, kann mehr, braucht etwas anderes, hat Spaß an etwas anderem. Je stärker das Wachstum, desto größer die Veränderung.


Und ich glaube, ich habe viel zu lange nicht verstanden, dass es mit meinem Glauben genauso sein sollte. Wenn mein Glaube – meine Überzeugungen und meine Praxis – jahrelang gleich bleiben, dann ist das Wachstum stagniert. Früher gab es den fatalen Satz unter Adventisten „Wir haben die Wahrheit“. Wie fürchterlich arrogant und irreführend zu meinen, wir wären hier und jetzt in unserem Glauben angekommen – damit war oft eine feststehende Lehre gemeint. Früher dachte ich, ich weiß alles. Heute weiß ich, dass ich nur einen verschwommenen Blick durch das Schlüsselloch erhascht habe in Bezug auf Gott. Ich habe eine Ahnung. Vor allem davon, wie wenig ich tatsächlich weiß und kann und begreife. Wie sehr ich vor Gott noch ganz am Anfang stehe – zu lieben, zu vertrauen, Gottes Möglichkeiten zu sehen, die Bibel wirklich zu verstehen…


Und wie erleichternd auch zu merken, dass so viel gar nicht wahr war, was ich geglaubt habe und mir aber nicht gutgetan hat! Wachstum heißt doch auch: Verbesserung.


Um ehrlich zu sein: Ich mag Veränderungen überhaupt nicht – früher noch viel weniger als heute. Umziehen? Dann bitte nur im gleichen Stadtviertel. Eine neue Arbeitsstelle? Bitte nicht, ich liebe meine Routine viel zu sehr. Ich bin kein sehr flexibler Mensch. Und ich mag keine Trennungen. Das musste ich erst lernen. Dass nur durch Offenheit – die Bereitschaft zur Veränderung – Fortschritt überhaupt möglich ist. Ich kann in meinem Leben und in meinem Glauben nur wachsen, wenn ich bereit bin das Gewohnte loszulassen und offen für Unbekanntes werde. Mich manchmal zu verabschieden. Und dann brauche ich das Neue, Unbekannte, Ungewohnte, damit ich überhaupt lernen kann.


Wenn ich die ersten Jahre meines Glaubens anschaue, dann habe ich vor allem versucht zu begründen, was ich glaube. Wenn ich die letzten Jahre meines Glaubens anschaue, dann habe ich vor allem versucht zu hinterfragen, was ich glaube. Früher wollte ich andere von dem überzeugen, was ich weiß. Heute möchte ich von anderen lernen, was ich noch nicht weiß. Und dafür brauche ich Begegnungen mit Menschen, die anders denken als ich selbst.


Denn das Interessante ist: Ich kann Neues nur von anderen lernen – nicht alleine mit mir selbst. Ich brauche zwingend Menschen, die etwas anderes als ich gelernt haben, die mir einen Schritt voraus sind in einem Bereich, damit ich weiterkommen kann. Meine Freundin bringt mir Westernreiten bei. Mein Nachbar zeigt mir, wie ich den Wein im Garten beschneiden muss. Meine Nachbarin zeigt mir das Rezept für kalte russische Suppe. Ich lerne, indem andere mir zeigen, was sie anderes gelernt haben. Ich brauche tatsächlich viele Lehrer, wenn ich viel lernen will.


Und das gleiche ist für unseren Glauben wahr, wenn wir darin wachsen wollen. Denn nur ein wachsender und sich verändernder Glaube ist ein lebendiger Glaube. Ein Baum, der immer gleich aussieht, ist ein toter Baum. Ein Glaube, der nächstes Jahr nicht anders aussieht, ist ein toter Glaube. Und hierfür brauche ich Menschen, die Glauben anders gelernt haben – damit ich neue Perspektiven entwickeln kann. Ich brauche möglichst viel Austausch mit Menschen die möglichst anders sind als ich.


Lebendiger Glaube ist Offenheit für Anderes


Ich war zum Beispiel total überrascht, als ich durch meine Schüler erfahren habe, dass das größte Fest unter eritreisch-orthodoxen Christen die Taufe von Jesus ist. Es geht nicht darum, dass ich es ihnen nachmachen muss. Sondern es lädt mich ein zu hinterfragen: Warum feiere ich eigentlich gerade jene Ereignisse aus der Bibel (z.B. die Geburt von Jesus an Weihnachten) – und nicht andere?


Durch die riesengroße Gastfreundschaft all der Muslime, mit denen ich arbeite und befreundet bin, sind mir erst die Texte in der Bibel über Gastfreundschaft aufgefallen und dass sie Gastfreundschaft als etwas Zentrales, unglaublich Wichtiges und für den Glauben Unverzichtbares darstellen. Früher hat für mich dieses Thema nie eine Rolle gespielt. Ich habe diese Bibelpassagen fast überlesen. Aber die Begegnung mit anderen hat meinen Glauben korrigiert, meine Sicht verändert. Weil ich versucht habe, von ihnen zu lernen und offen war mich selbst und meine Bibelinterpretation zu interfragen.


Ich habe früher sehr vieles anders geglaubt als heute. Und das zeigt mir, wie enorm viel ich gelernt habe. Wie viel ich weitergekommen bin und nicht mehr an dem gleichen Punkt stehe wie vor fünf Jahren. Ich werte das positiv, als ein Zeichen für einen gesunden und lebendigen Glauben, dass ich von Gott weiter gelehrt und korrigiert werde.


Für mich bedeutet gesund glauben: offen bleiben. Bereit sein, alles hinterfragen zu dürfen. Sich selbstverständlich im Leben ständig zu irren, weil Lernprozesse nur mit vielen vielen Fehlern möglich sind. Versuch mal Klavier spielen oder Fahrrad fahren zu lernen ohne dass es schief geht – das ist unmöglich. Wir sollten uns darauf einstellen, dass auch in unserem Umgang mit der Bibel und in unserer Sicht auf Gott viel falsch laufen wird, bis es besser wird. Und dass unsere Erfahrung mit Gott umso größer und weiter wird, je mehr wir anderen Menschen begegnen, die andere Erfahrungen mit ihm gemacht haben.


Laufen lernt man nur durch Hinfallen, Glauben nur durch Irren


Ich wünsche dir einen Glauben, der wächst. Überzeugungen, die sich ändern. Offenheit für Neues. Viele Lehrer, die dir in manchen Bereichen voraus sind und dich korrigieren in dem, was du jetzt noch nicht weißt und glaubst. Ich wünsche dir Mut, deine Interpretation von Gott, der Welt und der Bibel immer wieder zu hinterfragen. Und das Vertrauen, dass Gott dich in dieser Ungewissheit führen wird. Denn Wahrheit ist eine lebendige liebevolle Person, keine starre Lehre. Und wenn wir im Vertrauen auf Gott unser Herz öffnen, brauchen wir keine Angst zu haben in die Irre zu laufen. Laufen lernt man nur durch Hinfallen. Falsches zu glauben, ist Teil des Lernprozesses. Es ist unmöglich nie etwas zu glauben, was wir später korrigieren müssen. Wachstum ist ein ständiges Nochmal-neu-versuchen, ein ständiges sich-Verändern. Gott wird dich weiter zu ihm zurückführen, wenn du dich danach von ganzem Herzen sehnst. Vertrau dem Prozess. Dann kann Gott dich noch viel weiter führen, als du vielleicht geahnt hast.

 
 
 

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