Tagebuch Teil 2: Hinter der Fassade
- vor 6 Tagen
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Und dann sind da die Geschichten, die niemand kennt. Die mir aber helfen, Mitgefühl zu haben, wo meine Umwelt die Geduld verliert. Die Lehrer, die Beamten und alle anderen sagen: „Die wollen sich nicht integrieren!“ „Die wollen eh nicht arbeiten gehen!“ „Können die nicht mal die deutsche Sprache richtig lernen?“ Ich darf manchmal hinter die Fassade blicken. Der Brief, s.o. ist dabei die schöneste Liebeserklärung (von einer marokkanischen Mama), die ich je in meinem Leben bekommen habe. Weil es nichts Größeres gibt, als sich irgendwo öffnen zu dürfen und gesehen zu werden - als der Mensch, der man eigentlich ist.
Frau Salem
Frau Salem (alle Identitäten geändert), 20, ist seit vier Monaten im Hauptschulkurs. Ganz ehrlich – eigentlich fehlt sie mehr als dass sie da ist. Ständig laufe ich ihr wegen Krankmeldungen hinterher. Sie wirkt müde, behäbig, manche würden sagen: dumm, unmotiviert, unverschämt. Jetzt muss ich ihr wieder eine Abmahnung schreiben. Die Fehltage ohne Entschuldigung häufen sich. Ihre Noten stehen in jedem Fach auf 5. Das bringt hier alles nichts. Hausaufgaben macht sie nie.
Eines Tages erzählt sie mir: Sie kam aus dem Libanon nach Deutschland, weil ihre Familie reich war und die Nachbarn der Meinung waren, dass dies nur durch politische Korruption entstanden sein könne. Sie drohten dem Vater damit die Tochter als Geisel zu nehmen und umzubringen. Dieser setzte Sie mit einem unbekannten Mann in ein Flugzeug und er brachte sie zum zentralen Platz in unserer Stadt. Dann sagte er, er gehe einen Kaffee holen und kam nie wieder. Frau Salem hatte noch nie zuvor von Deutschland gehört. Jetzt schaut sie jeden Tag auf der Internetseite von ihrem Dorf, ob ihr Vater oder ihre Mutter unter den Toten aufgelistet sind. Sie darf mit ihrer Familie nicht telefonieren, alle Telefonleitungen werden überwacht. Also liest sie jeden Tag die Todesanzeigen.
Und dann ist da noch der ältere Mann, der ihr gegenüber wohnt. Es ist ein Deutscher. Er stellt ihr nach, lauert ihr auf, wartet jedes Mal auf sie, wenn sie kommt und wenn sie ihre Haustür aufschließen will. Sie hat panische Angst, schläft so oft sie kann bei einer Freundin. Die Polizei kann nichts machen – schließlich hat er ihr (noch) nichts getan. Liebe Nachbarn sind da, um mit ihr zur Tür zu kommen, wenn sie Hilfe braucht. Aber wenn er mit ins Treppenhaus kommt, will er vielleicht auch in ihre Wohnung. Der Vermieter, die Polizei, alle wissen das. Eine neue Wohnung findet sie nicht. Wie soll man so lernen? Wie soll man so leben? Sie hat schon lange nicht mehr geschlafen. Sie kann sich nicht konzentrieren. Sie bricht den Hauptschulkurs ab.
Herr Aden
Herr Aden, 19, kommt aus dem Sudan. Er ist groß, lässig, hat immer ein Lächeln auf den Lippen. Eigentlich ist er meist gut gelaunt. Aber er kommt viel zu oft viel spät. Nicht nur zehn Minuten, nein manchmal 45 oder 50 Minuten. Manchmal kommt er überhaupt nicht. Es macht mich wahnsinnig. Was soll das? Wir sind hier nicht im Sudan! Ich schreibe Abmahnungen, führe Gespräche. Er verspricht immer Besserung. Seine Noten sind nicht schlecht, er ist intelligent. Aber ich drohe ihm zu kündigen, wenn sich das nicht ändert. Und es regt mich auf, dass er bei all dem so locker tut – als wenn ihn das alles nicht interessiert. Dabei sagt er, er will den Hauptschulabschluss wirklich. „Ich suche auch kein Praktikum für Sie, dass Sie das wissen!“, sage ich ihm, „So unzuverlässig wie Sie sind können Sie auch keine Ausbildung machen! So funktioniert das nicht in Deutschland.“
Irgendwann, als ich die dritte Abmahnung vor ihm auf den Tisch lege, insistiere ich: „Herr Aden, Sie sind jung, Sie sind intelligent. Was ist los, was ist der wirkliche Grund, dass Sie nicht da sind? Ich verurteile Sie nicht. Ich will es nur verstehen.“ „Wissen Sie, Frau Wolf“, beginnt er leise zu erzählen, „Meine Familie hat große Schulden. Mein Bruder hat im Sudan einen Autounfall gebaut und dabei ist ein Mann gestorben. Mein Bruder ist schuld. Und jetzt muss unsere Familie eine unfassbar Hohe Summe Geld zahlen, sonst töten sie ihn. Aber das ist sehr viel Geld. Das ganze Dorf, alle Verwandten, wir haben schon alle gegeben, was wir hatten und alles verkauft, aber es reicht nicht. Darum muss ich arbeiten gehen, verstehen Sie? Manchmal arbeite ich auch die ganze Nacht.“ Es ist Schwarzarbeit, versteht sich. Wie sonst soll man schnell viel Geld verdienen? Dabei sind es meist nur 6-10€ pro Stunde.
„Und wenn mein Chef mich anruft, dann muss ich gehen, sonst verliere ich meine Arbeit. Manchmal ruft er mich morgens an, manchmal abends. Ich weiß nie, wann er mich braucht. Aber ich brauche das Geld. Sonst töten Sie meinen Bruder, verstehen Sie?“ Ich verstehe.
Natürlich ändert es nichts daran, dass so ein Hauptschulkurs, ein Praktikum und eine Ausbildung nicht funktioniert. Aber ich verstehe, dass er nicht aus Trotz, aus Gleichgültigkeit, aus Desinteresse oder Unverschämtheit zu spät kommt. Er versucht trotz seiner Probleme einen Schulabschluss zu machen. Aber die Probleme sind größer als er. Und weil er sich dafür schämt, hat er es nie erzählt. Außerdem ist es ja auch illegal. Wie sollte er es mir sagen, warum er manchmal nicht da ist? Also drücke ich zwei Augen zu und zwei Monate später hält er sein Schulzeugnis in der Hand: Notendurchschnitt 2,9.
Frau Corniac
Frau Corniac, 31, kommt aus Kenia. Sie spricht sehr schlechtes Deutsch. Schon bei der ersten Begegnung fällt sie mir auf. Mit ihr kommt eine unendliche Schwere in den Raum. Ich habe immer das Gefühl, sie könnte jede Minute anfangen zu weinen. Ihre Noten sind so schlecht, dass ich nicht glaube, dass sie den Schulabschluss schaffen wird. Ich finde sie auch schwierig im Umgang. Sie ist sehr misstrauisch und zieht sich schnell zurück. Auf jeden Fall scheint kaum etwas aus dem Unterricht bei ihr hängen zu bleiben - obwohl sie immer da ist, immer pünktlich, jeden Tag stundenlang lernt. Ihr Gedächtnis ist wie ein Sieb mit großen Löchern. Eigentlich weiß ich: das ist eine typische Folge von traumatischen Erlebnissen. Manchmal wirkt sie ganz abwesend.
Frau Corniac hat panische Angst vor ihrer Abschiebung. Sie wurde schon einmal abgeschoben – und hat es wieder nach Deutschland geschafft. Sie versteckt sich manchmal bei Freunden. Sie kann nachts nicht schlafen. Was ihr genau passiert ist, weiß ich nicht. Aber irgendwann erzählt sie mir, dass sie beschnitten wurde. Die weibliche Genitalverstümmelung ist ein weit verbreiteter Brauch in Nordafrika. Die Folge sind dauerhafte Schmerzen, Probleme beim Wasserlassen und während der Periode. Die WHO schätzt, dass 25% von ihnen daran sterben. Jetzt sitzt sie hier und Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie war bei einem Arzt – manchmal kann man das weibliche Genital mit einer Operation teilweise rekonstruieren. Aber bei ihr sei das nicht möglich.
Dann zieht sie plötzlich ihr T-Shirt hoch und hält mir ihre Brust hin. Ich bin etwas überrumpelt. „Schauen Sie“, Frau Wolf, „Fassen Sie das hier einmal an.“ Dabei zeigt sie mir einen großen Knoten in ihrer Brust. Brustkrebs? „Sie müssen unbedingt zu einem Arzt!“, rufe ich. „Ja, ich weiß. Aber es klappt nicht. Ich habe keine Versicherung mehr. Der Schein vom Sozialamt ist nicht gekommen. Der Arzt hat mich deshalb wieder nach Hause geschickt, weil ich nicht versichert bin. Und das Krankenhaus gibt mir keinen neuen Termin.“
Ich bin schockiert. Ich telefoniere mit Krankenhaus, Frauenärztin und Sozialamt, bis ich alle Missverständnisse geklärt, Dokumente besorgt und Termine ausgemacht habe. Klar kann sie das mit ihrem schlechten Deutsch nicht alleine. „Schauen Sie, Frau Corniac, der Termin im Krankenhaus ist am 11.06. Das ist wichtig für Sie. Diese Krankheit ist gefährlich. Das bedeutet aber, dass Sie die Hauptschulprüfung nicht machen können, weil sie davor ja operiert werden.“ „Nein, Frau Wolf, bitte sagen Sie den Termin ab. Ich möchte unbedingt den Hauptschulabschluss machen. Ich lasse mich später operieren.“ „Nein, wirklich, Frau Corniac, Ihre Gesundheit ist wichtiger. Das ist drei Monate hin und das ist wirklich sehr sehr wichtig. Diese Krankheit ist gefährlich.“
„Aber Frau Wolf, Sie wissen, dass ich eine Ausbildung brauche. Sonst schieben Sie mich wieder ab. Ich wurde schon einmal abgeschoben.“ Die Tränen laufen ihr über das Gesicht. Wie soll ich ihr sagen, dass eine Ausbildung – ja schon der Schulabschluss – bei ihren schlechten Leistungen sowieso unmöglich ist? Wenn doch daran die ganze Existenz hängt…




Puh, mein Herz ist schwer. So viele Geschichten, so unterschiedlich und im Kern doch so viel Gemeinsamkeiten. Nur zu lesen ist hart. Es macht demütig. Dankbar zu sein, für das Leben hier. So selbstverständlich und leicht für einen selbst. Ich bewundere die Stärke all dieser Schüler. Und deine. Diesem Moment gegenüber gestellt zu sein. Ohne Mauer, ohne Schutz. Ich kann hier durchatmen, den Eintrag schließen und wieder von vorne anfangen. Einen Abschnitt, Pause. So lange, wie ich möchte. Danke, dass du dich all diesen Themen, Gedanken und Problemen stellst. Für all diese Menschen. Sie brauchen dich. Genau dich. Jemanden wie dich. Alle brauchen eine Ronja. Eine Ronja Wolf. Auf, dass du noch viele solcher Briefe erhältst. Frau Wolf!