top of page

Bibeltexte, die wir ignorieren

  • vor 6 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Es gibt Themen und Bibeltexte, auf die wir als Adventisten besonderen Wert legen. Dazu gehören Texte und Lehren über die Dreieinigkeit, Schweinefleisch, Alkohol oder die Auslegung der Bücher Daniel und Offenbarung. Ich habe in meinem Leben an Workshops wie „Vegan – lecker kochen“ teilgenommen, Themen wie „kein Sex vor der Ehe“ oder "Schöpfung und Evolution" diskutiert oder in detaillierten Vorträgen gelernt, was die 2300 „Abende und Morgende“ in Daniel 8,14 bedeuten.


Bei keinem von diesen Themen sagt die Bibel, dass sie relevant für die Frage sind, ob wir in den Himmel kommen oder nicht. Sie mögen gut und hilfreich sein für uns persönlich. Aber Jesus legt Wert auf völlig andere Themen. Und bei diesen anderen Themen sagt er: „Hiernach entscheidet sich, wer in den Himmel kommt.“ Oder: „Wenn ihr das tut, das wird euch Gott belohnen.“ Das betrifft keine der Themen, die ich oben genannt habe. Ob wir diese Themen (s.o.) verstehen – schön und gut. Sie sind wichtig. Aber es betrifft nicht unser Schicksal, ob wir uns damit beschäftigen oder nicht. Andere Themen sind eindeutig wichtiger. Und darf ich ehrlich sein? Manche von diesen Texten ignorieren wir fast komplett. Ich auch!


Hier möchte ich ein paar Texte erwähnen, die ich wichtig oder interessant finde und die kaum beachtet werden. Mich macht es demütig zu sehen, wie selektiv selbst ich die Bibel lese. Denn in allen Punkten bin ich selbst schuldig:


Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht


„Dann wird der König zu denen auf seiner rechten Seite sagen: ›Kommt, ihr seid von meinem Vater gesegnet, ihr sollt das Reich Gottes erben, das seit der Erschaffung der Welt auf euch wartet. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich in euer Haus eingeladen. Ich war nackt, und ihr habt mich gekleidet. Ich war krank, und ihr habt mich gepflegt. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.‹“

Matthäus 25,34-36


Dieser Text ist nicht unwichtig. Es eines der am einfachsten verständlichsten Gleichnisse von Jesus. Und es geht darum, wer in den Himmel kommt und wer nicht. Es ist das Kriterium, wonach Gott die Menschen unterscheidet. Eine noch wichtigere Frage könnte es nicht geben.


Mir fällt dieser Text auf, weil meine Oma Gefängnisseelsorgerin war. Sie ist – ohne theologische Ausbildung – in Gefängnisse gegangen, um den Menschen Hoffnung zu bringen. Vor kurzem habe ich selbst einen Gefängnismitarbeiter kennengelernt. Was er mir von seiner Arbeit erzählt hat, hat mich nächtelang nicht schlafen lassen. Weil die Haftinsassen in meiner Stadt wehrlos und hilflos missbraucht werden – ohne dass es die Öffentlichkeit je mitbekommen würde. (Die Hessenschau berichtete darüber öffentlich vor ein paar Monaten.[1])


Als ich noch in der Beratung von Integrations-Kurs-Teilnehmern gearbeitet habe, kam einmal einer unserer erwachsenen Schüler ins Gefängnis. Es waren Drogen in seiner WG gefunden worden. Wem sie gehörten – das weiß natürlich niemand. Er hatte keine Angehörigen mehr irgendwo. Also machte sich meine Kollegin auf – obwohl sie unter Angst vor geschlossenen Räumen litt und nicht mal Staßenbahnen und Fahrstühle betreten konnte ohne Panikattacken zu bekommen – und besuchte ihn im Gefängnis. Trotz aller Panik. Weil sie verstanden hat, was Jesus gemeint hat – ohne dass sie das je in der Bibel gelesen hatte. Kannst du dir vorstellen, was dem jungen Mann dieser Besuch bedeutet hat?


Ich selbst war noch nie in einem Gefängnis. Die deutsche christliche Musikerin Sarah Brendel spielt selbstverständlich in Gefängnissen. Ich empfehle ihr Buch "Das Kleinste ist nicht zu klein" (s.o.).[2] Laut Jesus ist diese Sache wichtiger als das meiste andere, was wir als Christen tun können. Weil Jesus sagt: Ich selbst warte in Gestalt der Häftlinge auf euch. Und nach diesem Test wird Gott entscheiden. Nicht nach Schweinefleisch, Jungfräulichkeit, Wissen über Prophetie oder der Anzahl unserer Gottesdienstbesuche. Meine Band ist noch nie auf die Idee gekommen, in einem Gefängnis oder in einer Psychiatrie ein Konzert zu geben. Ich auch nicht...


Ich war fremd und ihr habt mich eingeladen


Direkt vorher sagt Jesus: „Ich war ein Fremder, und ihr habt mich in euer Haus eingeladen.“ (eigentlich sogar "aufgenommen"). Ich sitze vor meinen Schülern aus der Türkei, Somalia, Eritrea und Afghanistan. Ich versuche ihnen zu erklären, warum die CSU jetzt die Integrationskurse für die Hälfte der Ausländer einfach gestrichen hat. „Sie wollen die Stimmen der AFD haben und den Deutschen zeigen, dass sie etwas gegen die Ausländer tun. Geld ist genug da.“ „Aber warum haben die Deutschen Angst vor uns?“ steht in ihren Gesichtern geschrieben. Mir kommen fast die Tränen „Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Weil die Deutschen sie nicht kennen. Sie kennen Ausländer nur aus der Zeitung. Die haben sie nie kennengelernt wie ich. Da kann man ihnen keinen Vorwurf machen.“


Man kann ja nicht von den Deutschen verlangen, dass sie die Fremden einladen, oder? Die müssten schon auf uns zukommen. Oh, aber davor will ich meine Schüler bewahren, was passiert, wenn sie einfach an Deutschen Türen klingeln. Zuhause denke ich: „Doch, es ist unsere Aufgabe. Es ist die einzige Aufgabe, von der Jesus sagt, dass unser ewiges Schicksal davon abhängt. – Ob wir die Fremden einladen.“


Lade nicht deine Freude ein


Und dann gibt es noch diesen Text:


„Dann wandte [sich Jesus] an seinen Gastgeber: »Wenn du mittags oder abends Gäste zum Essen einlädst, dann lade nicht deine Freunde, Brüder, Verwandten oder reichen Nachbarn ein. Denn sie werden es dir vergelten, indem sie dich ebenfalls einladen. Lade vielmehr die Armen, die Krüppel, die Gelähmten und die Blinden ein. Bei der Auferstehung der Gottesfürchtigen bist du glücklich dran, denn Gott wird dich belohnen, weil du Menschen eingeladen hast, die es dir nicht vergelten konnten.«

Lukas 14,12-14


Haben wir verstanden, wofür es einen Lohn im Himmel gibt und wofür nicht? Ich habe wirklich Bedarf nach einem Wochenendseminar über diese Themen. Was heißt das? Wie macht ihr das? Wie geht das?


Jesus hat die Pharisäer davor gewarnt, dass wir die kleinen Dinge des Gesetzes (Zehnten, Sabbat, Essensgebote) so groß machen, dass wir darüber die Barmherzigkeit vergessen (Matthäus 23,23).


Meinen Schülern sage ich immer: „Denken Sie nicht, dass Deutschland ein christliches Land ist. Es gibt hier sehr wenige wirklich gläubige Christen.“ Ich müsste ihnen sagen: „Christen erkennt ihr daran, dass sie zu euch ins Flüchtlingsheim kommen und euch einladen. Und sie gehen sogar in die Gefängnisse und besuchen die Menschen dort.“ Aber wie viele Christen gäbe es denn nach dieser Definition? So hat Jesus nämlich die Menschen definiert, die in sein Reich kommen. Nicht nach ihrer Ernährung, nicht nach ihrem Bibelwissen, nicht nach der Menge ihrer Gebete oder sonst irgendetwas. Warum übersehen wir solche Texte einfach, die mit so viel Nachdruck in der Bibel formuliert werden – und beschäftigen uns mit Dingen, die gut und wichtig sind – aber nach der Bibel nicht entscheidend?


So Gott will und wir leben


Und dann gibt es zum Beispiel noch so einen Text, von dem ich meinen muslimischen Schülern immer sage: „Eigentlich müssen die Christen auch ‚Insch’allah‘ sagen – sie haben nur vergessen, dass es in ihrer Bibel steht“.


„Passt auf, wenn ihr behauptet: »Heute oder morgen werden wir in eine bestimmte Stadt gehen und ein Jahr dort bleiben. Wir werden dort Geschäfte machen und Gewinne erzielen.« Woher wollt ihr wissen, was morgen sein wird? Euer Leben gleicht doch dem Nebel am Morgen – schon nach kurzer Zeit ist er wieder verschwunden. Stattdessen solltet ihr sagen: »Wenn der Herr es will, werden wir leben und dieses oder jenes tun.« Nun aber seid ihr stolz auf eure eigenen Pläne. Doch solche Angeberei ist durch und durch schlecht. Denkt daran: Wer das Gute kennt und es nicht tut, der macht sich schuldig.“

Jakobus 4,13-17


Wenn ich diese Texte lese, werde ich demütig. Ich frage mich, zu welcher Kirche ich wohl gehören müsste, die auf das Wert legt, worauf Gott Wert legt? Stattdessen muss ich verstehen, dass wir alle wohl nur einen Bruchteil dessen wirklich begriffen haben und tun, was Jesus uns in aller Klarheit gesagt hat. Ich auch. Puh, ich habe viel zu verlernen. Aber ich möchte mehr auf das schauen, was Jesus wichtig ist. Ich möchte gerne dorthin gehen, wo Jesus versprochen hat uns persönlich zu treffen. Aber das ist weniger in der Kirche, sondern an den dunklen und einsamen Orten... Tatsächlich habe ich genau dort von den Fremden gelernt, was es heißt, die Zukunft in Gottes Hand zu sehen: Insch'allah.



 
 
 

Kommentare


bottom of page