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Aus dem Tagebuch einer Sozialarbeiterin

  • 1. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen


 

Tag 1: Beratung im Büro

Herr Popalzai (Name geändert), 41, ist ein zutiefst einsamer Mann. Er wohnt am Ende der Welt in einem Zimmer der Stadt, dass sechs Quadratmeter groß ist. Seit zwei Jahren funktioniert seine Heizung nicht, aber die Stadt kümmert sich nicht darum. Während der Aufstände im Iran sind vier seiner Freunde ermordet worden, darunter sein Bruder. Herr Popalzai kommt trotzdem jeden Tag zum Unterricht: Lernen ist sein großes Ziel. Aber wie, wenn es keine Waschmaschine, überall Dreck, kein Internet und laute Nachbarn gibt? Also hat er tatsächlich ein WG-Zimmer gefunden, direkt am Bahnhof. Dann muss er nicht mehr zwei Stunden zur Schule fahren, sondern nur noch eine. Zwei Wochen gibt ihm der Vermieter Zeit, um den Mietvertrag zu unterschreiben.


Aber die Stadt will nicht, dass Flüchtlinge umziehen und in eigenen Wohnungen leben. Um Himmels willen, warum bitte nicht? Was soll das? Also telefoniere ich mit dem Sozialarbeiter der Flüchtlingsunterkunft lange nach Feierabend: Herr Popalzai soll ein ärztliches Attest bringen, dass ein Umzug nötig ist. Bitte? Das hat er sogar tatsächlich. „Und wenn Sie von der Schule aus noch irgendwas schreiben könnten, wäre das sehr gut.“ Also schreibe ich, dass Herr Popalzai sich in der Schule nicht konzentrieren kann, weil er nachts im lauten Flüchtlingsheim nicht schlafen kann, dass der Weg zu Schule dadurch kürzer wäre, dass er Internet braucht für die Hausaufgaben. Dass er bei uns absolut zuverlässig und fleißig ist. Und dass sie bitte seine Integrationsbemühungen mit einer Umzugsgenehmigung unterstützen sollen. Er will nämlich Altenpfleger werden. Bitte, helfen Sie ihm!


„Danke. Danke, Frau Wolf, wirklich, vielen, vielen Dank. Entschuldigung, dass ich Ihre Zeit genommen habe. Ich danke Ihnen vielmals. Sie sind wie eine Schwester.“ So verabschiedet er sich.


Tag 2: Interkultureller Unterricht

Heute unterrichte ich Interkulturelles Training für den Hauptschulkurs. Meine zwölf Schüler sind zwischen 20-40 Jahren alt und kommen aus Nigeria, Guinea, Somalia, Eritrea, Afghanistan, der Türkei und Portugal. Wir behandeln die Weltreligionen, heute speziell Judentum, Christentum und Islam.


Die meisten kennen die anderen Religionen nur, weil sie Krieg gegen ihr Land führen. Aber es sind nicht alle Terroristen, die Juden, Muslime oder Christen sind. Also lege ich ihnen Zitate aus allen drei Religionen vor uns sie sollen entscheiden aus welcher Religion das Zitat stammt: „Der beste Gläubige unter euch ist der, der seine Frau am besten behandelt.“ „Ist das von Mohamed, Jesus oder aus dem Talmud?“ „Jesus? Mh, nein, das ist Mohamed.“ „Undankbarkeit ist schlimmer als Diebstahl.“ „Das ist bestimmt von den Juden!“ „Richtig.“ „Liebe deine Feinde.“ Alle Muslime sind sich einig: „Das kommt aus dem Islam. Das ist unsere Religion!“ „Mh, leider nicht. Das war Jesus.“


„Aber wie kann ein muslimischer Mann gut zu einer Frau sein, wenn sie immer im Haus bleiben muss? Bei meinem Freund in Nigeria habe ich seine Frau nie sehen dürfen!“ „Tja, das hängt mit der Kultur zusammen, dass Männer und Frauen in getrennten Räumen essen und leben.“ „Aber ich habe gesehen, wie sie die Frauen überall verschleiern. Das ist doch nicht gut!“ „Wissen Sie, warum die Frauen in Afghanistan eine Burka tragen?", frage ich die Klasse zurück und erkläre: "Weil es in den Straßen so gefährlich ist, dass eine schöne Frau einfach gekidnappt wird. Also trägt sie das zur Sicherheit. Weil es dort keine Polizei gibt. Die Frauen tragen das, damit sie niemand einfach mitnimmt.“ Achso.


Tag 3: Fortbildung für SozialarbeiterInnen aus der Umgebung

Vor mir sitzen MitarbeiterInnen des Jobcenters, von Beratungsstellen, Ehrenamtliche und Mitarbeiter des Jugendamtes. Sie sollen sich einmal so begrüßen, wie es in anderen Ländern der Welt üblich ist: Küsschen rechts, Küsschen links, Stirn an Stirn, Verbeugung, ohne Körperkontakt oder durch Austausch des Lebensatems. „Wie bitte? Sollen wir das wirklich machen?“ „Sie müssen es nicht. Aber versuchen Sie es.“, ermutige ich sie. „Sie dürfen auch nein sagen.“


Hinterher frage ich sie: „Wie haben Sie sich dabei gefühlt, plötzlich mit einer ganz fremden Verhaltensweise konfrontiert zu werden?“ „Ich fand’s toll!“, sagt eine. „Ich hab das nicht gemacht. Ist mir viel zu nah.“, erwidert eine andere. „Mir hat es total geholfen, dass mein Gegenüber mir vorher erklärt hat, was jetzt kommt und dass ich darauf vorbereitet war.“, erklärt ein Dritter.


„So, und jetzt überlegen Sie, wie es den Menschen geht, die neu nach Deutschland kommen und denen niemand erklärt, was gleich auf sie zukommt. Ohne Vorbereitung auf andere Kulturen zu stoßen kann dazu führen, dass wir überrumpelt werden und sie ablehnen. So wie manche von Ihnen. Darum ist es wichtig, dass wir die Menschen darauf vorbereiten, was sie in Deutschland in bestimmten Situationen erwarten könnte. Und dass wir Ihnen helfen damit umzugehen.“


Tag 4: Ausbildungen vorbereiten

Acht von meinen zwölf Schülern möchten diesen Sommer nach dem Hauptschulabschluss die Ausbildung als Alten- oder Krankenpfleger beginnen. Sie werden den Schulabschluss auch alle bestehen, da bin ich mir sicher. Sie haben in den letzten Monaten alle ein zweiwöchiges Praktikum in einem Krankenhaus oder Altenheim mit guten Noten absolviert. Jetzt sind auch die Vorstellungsgespräche bei den meisten schon gelaufen und fast alle haben schon eine Zusage von einer Einrichtung bekommen. Nur: Wir brauchen zuerst die Arbeitserlaubnis.


Die Arbeitgeber möchten bitte eine Arbeitserlaubnis vorliegen haben, bevor sie den Ausbildungsvertrag zuschicken. Die muss man bei der Ausländerbehörde beantragen. Die Ausländerbehörde möchte aber zuerst den Ausbildungsvertrag sehen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Wie soll das bitte gehen? Wie sollen Menschen in Deutschland arbeiten, wenn es schon faktisch unmöglich ist, die Dokumente zu besorgen?


„Könnten Sie nicht bitte in den Ausbildungsvertrag schreiben, dass er nur unter Vorlage der Arbeitserlaubnis gültig ist und ihn schon schicken?“ „Nein, das geht leider nicht. Die Verträge sind von der IHK vorgedruckt, die können wir nicht verändern. Das wäre nicht zulässig.“ „Ok, aber können Sie vielleicht eine Einstellungszusage ausstellen, die wir der Ausländerbehörde vorlegen können?“ „Wie soll das aussehen? Haben Sie eine Vorlage?“ Ehrlich gesagt: Nein. Aber ChatGPT wird mir hoffentlich helfen.


„Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass wir die Ausbildung unter solchen Umständen wahrscheinlich doch nicht anbieten können. Uns ist das einfach zu unsicher mit diesen Behörden und Dokumenten. Ich hoffe, Sie verstehen das.“ „Glauben Sie mir, er ist einer der besten Schüler, den wir je hatten! Er hat sehr gute Noten bei uns. Er ist absolut zuverlässig und fleißig und eine große Bereicherung in der Klasse mit seiner sozialen Art. Das mit der Arbeitserlaubnis ist wirklich kein Problem. Wir bekommen die.“ „Ja, das mag sein. Aber wissen Sie, letztes Jahr hatten wir auch so einen jungen Mann aus Afrika. Der hat nach ein paar Wochen nur Probleme gemacht. Das wollen wir nicht nochmal.“ ... (Und wenn es ein Deutscher ist, der Probleme macht - nehmen sie dann auch keine Deutschen mehr? Die sind nämlich nicht immer so zuverlässig und sozial bei uns...)


Tag 5: Verabschiedung der Pflegelehrerin

Oben im Klassenraum hat die Pflegelehrerin heute ihren letzten Tag. Ich sitze im Büro und schreibe an meiner Dokumentation. Aber ich habe versprochen kurz vorbeizuschauen. Als ich die Tür öffne, stehe ich vor einer großen festlich gedeckten Tafel: Die Schultische biegen sich unter den verschiedensten internationalen Köstlichkeiten. Die SchülerInnen habe alle selbst gekocht: Fufu, Injera, Kabuli Palau, gefüllte Weinblätter, Samosa, Petersiliensalat und süßes Gebäck.


Wow! Fünfzehn Gesichter strahlen mich an. Hinter der Lehrerin steht ein Tisch voller Geschenke: Rosen, Parfüm, Papiertüten gefüllt mit Pralinen, Blumen, manchmal Duschgel, Briefe, Kerzen oder sogar Kleidung. „Für Sie auch, Frau Wolf! Bitte, essen Sie mit uns! Bitte, bleiben Sie hier! Wir haben auch Blumen für Sie!“ Ich bin überwältigt von so viel Liebe, Herzlichkeit, Dankbarkeit, Anerkennung, Gastfreundschaft und Großzügigkeit. Ich liebe meine Schüler von ganzem Herzen. Manchmal denke ich: Es gibt keine besseren Menschen als sie auf der Welt. Und manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein bisschen so wie sie…

 
 
 

2 Kommentare


m.magel
vor 6 Tagen

Ronja, du Herz! Du bist so viel mehr als diese fünf Tage auf der Arbeit. Du bist wie sie, du bist wie du bist und du bist Christ. Von allem ein bisschen, nicht mehr oder weniger von anderem. Du machst die Welt so viel besser, und ich weiß, du würdest gerne allen helfen, alle sichtbar machen. Nicht nur 15 von ihnen. 150, 1500, 15000 - du stärkst sie alle. Mit deinen Taten, deinen Worten, deiner Unterstützung und bedingungslosen Liebe, dass sie Willen und Frieden finden ✌🏻 Danke, dass du so unermüdlich kämpfst. Für dich, für sie und für andere - immer wieder von vorne. Ich bin unendlich stolz auf dich 👏 (Und wäre manchmal auch gerne ein bisschen so wie…

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ronja-wolf
vor 6 Tagen
Antwort an

Du Liebe, alle anderen schönsten Liebesbriefe habe ich immer nur von dir bekommen. 💗💗Das ist auf jeden Fall meine Hoffnung - dass die kleinen Dinge, die wir alle tun, mehr bewirken als wir im ersten Moment sehen können. „Wenn der Mensch den ersten Schritt tut, kommt ihm der Himmel entgegen.“ (rabbinisches Sprichwort) Was kann ich im Angesicht von immer mehr Ausländerfeindlichkeit schon anderes tun als wenigstens meine kleine Stimme zu erheben und allen meinen Bekannten all die guten Nachrichten zu erzählen, die die Presse nie erzählen wird? Ich bekomme von diesen Menschen so viel. Und ich bin so dankbar, dass ich mit ihnen arbeiten darf. Wer hat schon so eine schöne Arbeit wie ich? Meine Arbeit ist so leicht durch…

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