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Sollten wir uns "Christen" nennen?

  • 27. Okt. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Nov. 2025


Immer wieder denke ich darüber nach, dass Jesus seinen Nachfolgern keinen Namen gegeben hat. Er nannte sie: Freunde. Das war's. Und woher sollte man wissen, dass sie seine Jünger waren? Nur an einer einzigen Sache:


"Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt."

(Johannes 13,35)


Die Jünger hatten dazu aber noch einige andere Ideen, wie sie sich von ihrer Umgebung unterscheiden könnten. Ihnen wurde das - im Gegensatz zu Jesus - sehr schnell sehr wichtig. Anders sein. Nicht zu den Juden gehören. Bloß nicht mit ihnen verwechselt werden. Nach Jesu Tod wollten sie klar zeigen, dass sie nicht seine Möder wie die Juden waren (wirklich?). (Dass sie bessere Menschen waren? Hatten sie ihn nicht auch alle verlassen?) So hielt die Judenfeindlichkeit und zum Beispiel die Sonntagsheiligung Einzug. Ein anderer Tag musste her - Hauptsache öffentlich anders. Den Jüngern kamen in den folgenden 2000 Jahren noch viele andere Ideen, wie sie zeigen konnten, dass sie zu Jesus gehörten: Ein Kreuz um den Hals. Ein christlich bedrucktes T-Shirt. Ein Fisch auf dem Auto. Ein Tatoo auf dem Rücken. Kirchen statt Synagogen oder Tempel (da waren sie ohnehin nicht willkommen). Die Christen wollten ganz schnell ganz anders sein. Aber war das Gottes Absicht? Abgrenzung? Eine klare Trennung von "Wir" und "die anderen"? Wo Jesus doch so oft "die anderen" für ihren Glauben gelobt hatte?


Zum ersten Mal wruden die Jesus-Nachfolger von ihren Feinden als "Christen" bezeichnet. Das war in Antiochia und es war als Beleidigung gemeint, "die von der Messias-Partei" (Apostelgeschichte 11,26). Irgendwann akzeptierten sie es und sie nannten sich selbst so. Paulus dagegen hatte die Christen noch "Brüder" oder "Heilige" genannt und die neue Religion "den neuen Weg".


Und was wurde aus den Jesus-Anhängern anschließend? Sie schlossen sich unter Kaiser Constantin dem römischen Reich an und die christliche Religion wurde eine Staatsmacht. Man wurde nicht mehr Christ, weil man sich bekehrt hatte, sondern weil man im Gebiet eines christlichen Herrschers geboren wurde. Und "die Christen" hatten Könige, Waffen und führten Kriege. Sie ermordeten, folterten, gründeten Kolonien und zwangen andere zu ihrem Glauben überzutreten. Waren das die Jesus-Anhänger? Jesus hätte wohl eher zu ihnen gesagt: "Geht weg von mir, ich kenne euch nicht." Warum gehörten sie nicht zu Jesus? Weil sie nicht das Kennzeichen "der Liebe untereinander" hatten.


Ich habe das Gefühl, dass es immer mehr in Mode kommt, sich in der Öffentlichkeit zu seiner Religion zu bekennen - durch Schmuck, Kleidung und das klare Bekenntnis "Ich bin Christ" (oder andere durch "Ich bin Moslem", "Ich bin ein LGBTQ-Freund"). In manchen Kreisen ist das cool geworden. Meiner Meinung nach führt das vor allem zu einem: Es grenzt ab. Wir grenzen uns ab. Wir ziehen Trennlinien zwischen uns und den anderen. Wir zeigen klar: "Wir gehören nicht zu euch. Wir sind was anderes." (Besseres? Richtigeres?) Dabei definieren wir uns nicht über unser Verhalten, sondern über einen Status.


Aus folgenden Gründen finde ich das nicht gut:

1) Niemand ist in Gottes Augen Christ, nur weil er sich so nennt. Solche sind Christen "die man an der Liebe untereinander erkennt". Das entscheiden die Leute von außen, nicht wir, ob das erkennbar ist.


2) Wenn wir uns absichtlich von anderen abgrenzen wollen, schaffen wir eine Barriere zwischen uns und ihnen, die es vorher nicht gab. Jesus hätte eine neue Religion gründen können. Hat er aber nicht. Jedenfalls nicht dem Namen nach, nur dem Inhalt nach. Er hätte seinen Jüngern einen neuen Namen, Symbole und äußerliche Kennzeichen geben können. Hat er aber nicht. Darüber sollten wir nachdenken.


3) Das Wort Christen verbinden die Menschen in dieser Welt nicht mit "Liebe untereinander", sondern mit Kreuzzügen, kalten Gebäuden, unverständlichem Altdeutsch, Wissenschaftsfeindlichkeit und sexuellem Missbrauch. Ich würde zu mindest behaupten, dass meine Klassekameraden in meiner Schulzeit auch (nicht nur) daran dachten, wenn sie an "Christentum" dachten. Bei den Muslimen ist es noch viel negativer assoziiert: Sie glauben, dass "die westliche Welt" = eine "christliche Welt" ist. Sie denken bei dem Wort "Christen" an Menschen, die viel Alkohol trinken, mit jedem ins Bett gehen, kein Schamgefühl haben, keinen Respekt vor Älteren und offensichtlich nicht viel beten. (Das betrifft vor allem solche, die nicht in Deutschland großgeworden sind). Ein Vorurteil, aber ein wirksames. Schon der Prophet Mohammed hatte zum Teil schlechte Erfahrungen mit Christen gemacht, deren Glaube ziemlich verwässert und mit anderen Religionen vermischt war. Dieses Erbe hat er an die Muslime weitergegeben: Die "Christen" haben keine Ehrfurcht vor Gott. Meine muslimischen Freunde fanden meinen Glauben immer toll - aber dass ich mich Christ nenne und gläubig bin? Das war für sie fast ein Widerspruch in sich selbst. Denn Christen sind in ihrer Welt keine anständigen Leute, schon gar keine gläubigen.


Ich erlebe viele Muslime, die Jesus gegenüber sehr offen sind (auch, wenn sie oft nicht richtig verstehen, wer er ist), die aber die Bibel und "das Christentum" strikt ablehnen. Weil sie damit nicht "Liebe untereinander", sondern eben alles mögliche verbinden, was das historische Christentum und die postchristliche Gesellschaft so prodiziert hat. Eine Menge, was gar nichts mit Jesus zu tun hat. Menschen, die sich "Christen" nennen, aber gar nicht "den Weg" teilen/gehen/leben.


Es schaudert mich manchmal, wenn ich extrem fundamentalische Christen in den USA sehe, die Andersgläubigen erzählen, dass sie in die Hölle kommen werden oder dass Gott sie hasst. Ich möchte weder mit Kreuzzügen noch mit der deutschen säkularen Party-Szene assoziiert werden. Und auch nicht mit Auto-Fahrern, die zwar einen Jesus-Fisch hintendrauf geklebt haben, aber dann den Überholstreifen blockieren.


4) Es ist für Menschen viel schwerer Christ zu werden, wenn sie sich mit einem Namen betiteln müssen, den ihre Freunde und Familie zu recht (zum Teil) negativ assoziieren. Es ist viel schwieriger in eine Kirche zu gehen, wenn man nie eine betreten hat als in ein normales Wohnhaus (Treffpunkt der Urchristen) oder noch besser: wenn Jesus in ihre Welt und in ihr Haus kommt (so hat er es nämlich gemacht). Ich glaube, wir machen es manchen Menschen mit dieser äußerlichen Trennung viel schwerer.


5) Wir suggerieren Menschen, dass sie äußerlich die Seite wechseln müssen, wobei es innerlich so sein soll. Es gibt zwar die Taufe als öffentliches Bekenntnis, aber es gibt kein öffentliches Zeichen mehr! (Das gab es im Judentum in Form der Beschneidung. Das Christentum hat kein solches Zeichen mehr.)


6) Sich zu Jesus zu bekennen, bedeutet nicht, sich "Christ" zu nennen, sondern ihm nachzufolgen und ihn "Herr" zu nennen. Und das kann ein Moslem auch in seiner muslimischen Kultur genauso wie ein Jude Jude bleiben kann, selbst wenn er getauft wird. Und wenn wir irgendeinen Namen tragen, dann "Freunde" oder "Brüder".


Ich glaube, es war sehr weise, dass Jesus seinen Jüngern keinen neuen Namen gab. Ich glaube es ist nicht weise, der Welt zu zeigen: "Wir gehören nicht zu euch. Wir sind Christen - und ihr seid es nicht." Kann man es nicht an der Liebe untereinander erkennen oder warum reicht uns das nicht? "Die Liebe zueinander" ist etwas unheimlich attraktives - das Wort "Christen" ist es nicht. Wir distanzieren uns von den Menschen, wo wir die Nähe suchen sollten. Wir zeigen äußerliche Unterschiede, wo wir innerliche Verbundenheit zeigen sollten. Und dafür benutzen wir einen Namen, der weder von Jesus stammt noch von unserer Umwelt mit dem assoziiert wird, was Jesus meinte: irgendwelche ganz normalen Leute von eurem eigenen Volk, die weiterhin zu euch gehören. Nur dass sie "Liebe untereinander haben". Und ob sie den "neuen Weg" gehen - das zeigt ihr Leben, kein Titel, kein Haus mit Turm, kein Kreuz um den Hals.


Hier noch einmal die Erinnerung: Sie erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn... Sie werden es feststellen. Sie werden einen Unterschied in euch sehen - nicht ihr selbst. Die anderen sind die Jury darüber, wer zu Jesus gehört - eigentlich nicht wir selbst. Wenn sie einen Unterschied sehen, wenn sie die Liebe sehen - dann gehören wir zu Jesus. Das ist ein ganz anderes Kriterium als unsere Mitgliedschaft in einer Kirche. Das ist unser Lackmustest, ob wir Gottes Freunde sind: Wenn die Welt den Unterschied in unserem Miteinander sieht (nicht wie korrekt, fleißig oder gebildet, sondern wie liebevoll es ist). (Und wenn die Menschen eine solche Liebe auch dort entdecken, wo nicht "Christen" draufsteht, dann sind das übringens auch seine Jünger - nach dieser Definition von Jesus.)


PS: Ob jemand Christ ist, kann man nach dieser Definition an einem einzelnen Menschen gar nicht erkennen. Erst in der Gemeinschaft, in der Aktion, wo man Liebe öffentlich sichtbar in der Gruppe lebt, wird man erkennbar als Jünger.




 
 
 

1 Kommentar


mmgaffron
09. Nov. 2025

Sensationell! Volle Zustimmung! Lasst uns die Barrieren wegräumen und uns aufs Lieben klnzentrieren.

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