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Sind wir "die Übrigen" oder "Laodizäa"?

  • 14. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Nov. 2025

Ein trauriger Teil in der Geschichte meiner Vorfahren ist ihre adventistische Arroganz. Meine Uroma war kein Teil mehr ihrer evangelischen Familie, weil sie sich als Adventistin für etwas Besseres hielt. Meine Oma hielt keinen Kontakt mit "den Ungläubigen", weil sie nicht der richtigen Kirche angehörten. Um ehrlich zu sein ging es so weit, dass einer der Männer in meiner Familie seine Frau mit seiner Bibel schlug (er war Zeuge Jehovas). Ich möchte mit diesem Erbe brechen. Und ein anderer Adventist werden.


Schon die Schüler von Jesus haben sich darüber gestritten, wer von ihnen der Größte ist. Und Jesus war strikt gegen dieses Denken. Wir als Kirche sollten nicht auf die gleiche Idee kommen zu glauben, wir wären besser als andere. Bei der Fußwaschung - und an anderen Stellen - stellte Jesus nämlich dieses Kriterium für Größe vor: Wer von euch ist bereit der Kleinste zu werden?


Was überhaupt wäre schon die beste Kirche? Wer würden wir denn gerne sein? Die mit der korrektesten Theologie? Die mit der meisten Liebe? Die mit den meisten Wundern? Ich denke: Die, die Jesus am ähnlichsten sind. 


Es ist interessant, dass Jesus viele Bilder für sich benutzt. Er sagt: "Ich bin die Wahrheit/das Licht/der Weg/das Brot..." Aber er benutzt nur zwei Adjektive, um seinen Charakter zu beschreiben. Er sagt: "Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig." (Matthäus 11,29)


Was heißt das? Wer sanft ist, bleibt weich, freundlich, ruhig, geduldig. Es ist das Gegenteil von hart oder aggressiv. Demütig - sogar von Herzen demütig - zu sein, heißt: sich nicht selbst über andere stellen, sondern bescheiden zu sein und die Stärken anderer anerkennen. Es bedeutet, die eigenen Grenzen zu kennen, andere wertzuschätzen und sich selbst zurückzunehmen.


Was heißt das dann für die Kirche, die Jesus am ähnlichsten sein will?


Die Menschen gehen geduldig und freundlich miteinander und mit anderen um. Sie erkennen an, dass sie nicht die Besten sind und wollen auch nicht besser als andere sein. Im Gegenteil: Sie erkennen an, dass andere Menschen und Kirchen manches besser können als sie. Sie sind sich ihrer Fehler und Schwächen bewusst und zeigen anderen Respekt für ihre Stärken. Sie wollen sich nicht großmachen, nicht die beste Kirche sein und sich nicht in den Vordergrund stellen. Klingt das wie die Adventisten?


In meinem Leben habe ich öfter gehört, dass Adventisten "die Übrigen" sind - das heißt für viele: Die kleine letzte Gruppe Menschen, die auf dieser Welt so lebt, wie Gott es will. Aber sind "die Übrigen" wirklich "die Besten"? So verstanden es wohl meine Vorfahren. Darum wollten sie auch, dass alle Menschen werden wie sie. Wenn wir in die Bibel schauen, ist die Gemeinde in der letzten Zeit leider kein erstrebenswertes Vorbild. Es kommt viel krasser.


Die Bibel vergleicht die Gemeinde Gottes (= "die Übrigen") am Ende der Zeit mit einer Gemeinde aus der antiken Stadt Laodizäa. Die Menschen waren dort arrogant, überheblich und sie merkten gar nicht, wie peinlich sie vor aller Welt standen, weil sie gar nicht so toll waren wie sie glaubten. Und Gott war angeekelt. Gott spuckt seine Kirche aus - darf man das überhaupt schreiben?


"Ich weiß alles, was du tust und dass du weder heiß noch kalt bist. Ich wünschte, du wärest entweder das eine oder das andere! Aber da du wie lauwarmes Wasser bist, werde ich dich aus meinem Mund ausspucken! Du sagst: »Ich bin reich. Ich habe alles, was ich will. Ich brauche nichts!« Und du merkst nicht, dass du erbärmlich und bemitleidenswert und arm und blind und nackt bist. Ich rate dir, von mir Gold zu kaufen, das im Feuer gereinigt wurde. Dann wirst du reich sein. Und kaufe auch weiße Kleider, damit du dich bekleiden kannst und dich wegen deiner Nacktheit nicht schämen musst. Und kaufe Salbe für deine Augen, damit du sehen kannst." (Offenbarung 3, 15-18)


Jemand hat es mal so formuliert: Wie wäre es, wenn wir uns der Welt nicht als "die Übrigen" vorstellen, sondern als "Laodizäa" - arm, blind und bedürftig nach der Hilfe von Gott?


Können wir sagen: "Oh Gott, wir haben so wenig verstanden. Wir machen so viele Fehler. Andere können so vieles besser als wir."?:

  • die Muslime haben mehr Ehrfurcht

  • die Ausländer sind gastfreundlicher

  • die Atheisten setzten sich mehr für ihre Stadt ein

  • die Hinduisten beten mehr

  • die Esoteriker sind dankbarer

  • die Humanisten sind freundlicher

  • die Alternativen leben gesünder


  • die Katholiken erkennen Gottes Größe besser

  • die Pfingstler sind offener für den Geist Gottes

  • die Brüdergemeinden schulen ihre Mitglieder besser

  • die Charistmatiker sind missionarisch aktiver

  • die Influencer haben mehr Begeisterung für Jesus

  • die O'Bros können es viel lebensnaher formulieren


Gott, kannst du uns helfen, Gold zu kaufen? Denn wir haben nichts von großem Wert. Kannst du uns Kleidung geben - etwas, das bedeckt, wie erbärmlich wir eigentlich sind? Kannst du uns Augensalbe geben? Denn wir sehen unsere eigenen Schwächen und die Stärken anderer nicht.


Wir denken, wir sind so toll. Aber wir sind es nicht. Wenn wir das sehen können, dann hat Gott unsere Augen geheilt. Wenn wir demütig werden, haben wir Gold. Wenn wir bekennen, dass wir überhaupt nicht besser sind als alle Menschen in der Welt, dann können wir uns in der Öffentlichkeit ohne Scham zeigen.


(Foto: ChatGPT)

 
 
 

2 Kommentare


mmgaffron
22. Nov. 2025

Wieder ein sensationeller Artikel! Ich hoffe, er wird von vielen (Adventisten) gelesen und beherzigt. Danke für deine ehrlichen Reflektionen!

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ronja-wolf
23. Nov. 2025
Antwort an

Ich danke dir für dein liebes Feedback <3 :)

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