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Paulus und die Andersgläubigen

  • 28. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Wie redet man mit Menschen, die einen anderen Glauben haben? Eines der bemerkenswertesten Beispiele ist für mich die Rede von Paulus in Athen vor zweitausend Jahren (s. Apostelgeschichte 17). Paulus steht inmitten einer Stadt, die überquoll von Religion: Überall standen Statuen, Altäre, Tempel. Dazu gab es hier die großen philosophischen Schulen der Stoiker und Epikureer. Sie glaubten an alles Mögliche. Aber niemand hier glaubte so wie Paulus an einen einzigen, dazu noch nahen und persönlichen, liebevollen und fürsorglichen Gott. Für die Philosophen war Gott weit weg und unpersönlich. In jeder Lebenslage musste man sich an einen anderen Gott wenden und ihn gnädig stimmen, damit kein Unglück über die eigene Familie oder Stadt hereinbrach.


Paulus war erschüttert. Ihm ging es nicht gut mit dem, was er sah. Manches tat ihm weh, manches regte ihn auf. Die Menschen taten ihm leid. In jedem Fall sah er vieles anders als die Menschen vor Ort. Und wie reagierte er darauf? Er suchte täglich den Kontakt zu diesen Menschen, die ganz anders glaubten als er. Und dann?


Paulus beginnt seine Rede so:

„Männer von Athen, ich habe bemerkt, dass ihr den Göttern besonders zugewandt seid, denn als ich umherging, sah ich eure vielen Altäre.“


Paulus sagt: „Wow! Gott ist euch unheimlich wichtig. Ihr seid so gläubige Menschen!“ Paulus beginnt mit einem Kompliment, mit Anerkennung, mit Respekt. Er stützt sich auf Gemeinsamkeiten. Darüber redet er als erstes.


Und dann knüpft er an dem an, was diese Menschen kennen und glauben:

„Einer [von euren Altären] trug die Inschrift: ›Dem unbekannten Gott‹. Ihr habt ihn angebetet, ohne zu wissen, wer er ist, und nun möchte ich euch von ihm erzählen.“


Können wir den Menschen zusprechen, dass sie Gott schon anbeten – ohne, dass sie je von ihm gehört haben? Wenn er einen ganz anderen Namen trägt? Wenn sie nicht die Bibel als Grundlage haben?


Paulus sagt nicht: „Ich bringe euch jetzt etwas ganz Neues, etwas anderes. Ihr müsst vergessen, was ihr geglaubt habt. Das ist alles falsch.“ Sondern er bestätigt die 1% des Richtigen, die er finden konnte. Und er sagt: Ich möchte über eure Religion sprechen. Denn ihr habt recht. Ich will eure eigene Religion mit euch vertiefen.


Dann erklärt Paulus, wer dieser „unbekannte Gott“ seiner Meinung nach ist. Und wie versucht er die Menschen von seinen völlig fremden Ansichten zu überzeugen? Er zitiert ihre eigenen Dichter, ihre eigene Literatur:


„In ihm leben wir, regen wir uns und sind wir. Wie einer eurer eigenen Dichter gesagt hat: ›Wir sind seine Nachkommen.‹“


Paulus begründet seine religiöse Überzeugung nicht mit der Bibel, sondern mit ihren Schriften! Und er bringt ihnen eine unheimlich erleichternde Nachricht: Ihr seid Gottes Kinder. Gott ist euch ganz nah. Er ist nicht aus Holz, sondern viel größer. Und ihr müsst ihm nicht helfen – er will euch helfen!


Was Paulus nicht macht: Er zitiert nirgendwo die Thora, die jüdischen Schriften (nicht einmal den Namen von Jesus oder dass er ein Messias ist) an diesem Punkt. Das kennen die Menschen auch gar nicht. Daran glauben sie auch nicht. Sondern er muss sich vorher mit den Schriften beschäftigt haben, an die sie geglaubt haben – seine Zuhörer! Diese Schriften zitiert er. Er holt die Menschen bei dem ab, was sie kennen. Er erklärt seinen Glauben anhand ihrer Literatur.


Was lernen wir von Paulus?


1.        Wir müssen zu den Menschen gehen. Dort, wo sie sich aufhalten, wo sie sich wohl und sicher fühlen – dort können wir sie treffen und mit ihnen reden. Dort öffnen sie sich am ehesten.


2.        Wir sollten uns gründlich mit der Kultur und Religion unseres Gegenübers beschäftigt haben. Wir sollten alles darin finden, was auf die Wahrheit hinweist. Nicht das Schlechte.


3.        Der nächste Schritt ist: Alles Gute sagen: Die Gemeinsamkeiten. Das Richtige in ihrer Religion. Ehrliche Anerkennung und Respekt zeigen. Loben!


4.        Wir sollten die Grundlage für unsere Argumentation in ihren Schriften finden. Wir sollten den Menschen nicht das Gefühl geben, wir wollen sie von ihrer Religion völlig entfremden. Oder sie müssten mit ihrer Religion völlig brechen. Nein, wir wollen sie in ein tieferes Verständnis führen von dem, was sie schon kennen und haben (soweit möglich).


5.        Wir müssen eine gute Nachricht bringen. Etwas, das die Menschen erleichtert, ihnen den Druck nimmt, sie freier macht. Einen Gott, der ihnen ganz nahe ist, der fürsorglich ist, der alles zu einem guten Ende führen wird. Das ist die Botschaft von Paulus. Und ja, hier bringt er für sie völlig fremde Ideen.

 

Wir handeln nicht wie Paulus,

 

1.        wenn wir die Menschen zu uns kommen lassen, an Orte, in denen wir uns wohl und zuhause fühlen, die für sie aber fremd sind.


2.        wenn wir uns nicht mit der Kultur und Religion der anderen beschäftigen, um das Gute darin zu suchen, dem wir zustimmen können.


3.        wenn wir ihnen nicht zu Beginn alles Gute sagen, was wir an ihnen bewundern und was wir an ihrer Religion gut finden.


4.        Wenn wir ihnen etwas anderes als eine gute, befreiende Botschaft bringen. Wenn wir ihnen in erster Linie ein schlechtes Gewissen oder Angst machen.


5.        Wenn wir Menschen, die die Bibel gar nicht kennen, mit der Bibel kommen. Wenn wir die Geschichten erzählen, die uns vertraut sind – anstatt, die unseren Zuhörern vertraut sind. Wenn wir die Bibel als Quelle zitieren für Menschen, für die das gar keine Grundlage ist.

 

Paulus sagte: Den Juden ein Jude. Den Griechen ein Grieche. (1. Korinther 9,20ff.) Er kam ihnen mit ihrer eigenen Sprache, mit ihren eigenen Schriften, mit ihren eigenen Lehren, mit ihren eigenen Autoritäten. Er brachte eine Botschaft – nicht Bibeltexte. Er führe sie in erster Linie zu einem Verständnis. Nicht zu einem Buch. Und er glaubte, dass sie einiges sogar schon richtig verstanden haben.


Natürlich können wir die Menschen später – wenn sie mehr wissen wollen, weiterführen. Natürlich können wir ihnen später aus der Bibel erzählen, wenn es sie interessiert. Natürlich können wir sie irgendwann auch in Kirchen einladen, wenn sie sich bei uns wohlfühlen. Aber all dies, was Paulus macht, ist Schritt eins in der Begegnung mit Menschen, die anders glauben als wir. Und würden wir das so machen - wäre das nicht ziemlich revolutionär?


(Aber natürlich viel herausfordernder für uns ;-) )...

 
 
 

2 Kommentare


mmgaffron
28. Nov. 2025

Oh ja! Revolutionär! Fangen wir damit an!

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m.magel
28. Nov. 2025

So wichtige Punkte, die du da ansprichst und die Paulus uns schon vorgelebt hat. Wie oft vergisst man diese Denkanstöße in der Gesellschaft, weil man sich selbst sicher und geborgen fühlt in seiner eigenen Welt, ohne, in die Gefühlslage des Gegenüber zu kommen. Danke für den schönen Wechsel, etwas anders anzugehen!

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