Leben wir Kirche vielleicht falsch?
- 1. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Wenn man jemanden fragt: „Was ist eine Kirche?“, dann würde er vermutlich sagen: „Es ist ein großes Gebäude mit einem Turm und vielen Bänken.“ Und wenn mich meine muslimischen Schüler bisher immer gefragt haben: „Was machen die Christen denn in einer Kirche?“, dann habe ich geantwortet: „Sie singen, sie beten und sie hören eine Predigt an oder reden über die Texte in der Bibel. Normalerweise am Sonntag (ich am Samstag).“
In der Bibel ist Kirche aber etwas ziemlich anderes. Erstens ist es kein Gebäude, sondern eine neue Art von Familie, eine großzügige, herzliche und fröhliche Lebensgemeinschaft. Zweitens war ihr Treffpunkt, außer im Tempel, vor allem in ihren eigenen Wohnungen. Drittens haben sie vor allem zusammen gegessen und gebetet. Dabei haben sie nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren Besitz geteilt und sich um die gekümmert, die weniger hatten. So steht es in der Bibel von den ersten Christen:
„Sie hielten beharrlich an der Lehre der Apostel fest, an der geschwisterlichen Gemeinschaft, am Brechen des Brotes (d.i. das Abendmahl) und an den gemeinsamen Gebeten. Jeden Einzelnen ergriff eine tiefe Ehrfurcht vor Gott, und durch die Apostel geschahen viele Wunder und außergewöhnliche Zeichen. Alle Gläubiggewordenen aber bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Wer ein Grundstück oder anderen Besitz hatte, verkaufte es und verteilte den Erlös an die Bedürftigen. Tag für Tag waren sie einmütig im Tempel zusammen, trafen sich in ihren Häusern zum Brechen des Brotes (Anm. s.o.) und zu gemeinsamen Mahlzeiten. Alles geschah mit großer Freude und aufrichtiger Herzlichkeit. Sie lobten Gott und waren im ganzen Volk angesehen. Und der Herr führte täglich Menschen zu ihnen, die gerettet wurden.“
Apostelgeschichte 2, 42-47
Kirche war also einmal Familie. Ein Gottesdienst war mal ein Lebensstil. Die Hauptaktivität war einmal der persönliche Austausch beim gemeinsamen Essen und Beten. Der Treffpunkt war einmal das Zuhause. Und das Besondere war einmal die Großzügigkeit und Fürsorge. Stattdessen verstehen wir heute den Gottesdienst eher als ein Vormittags-Programm. Viele Besucher genießen die Anonymität oder zwischenmenschliche Distanz. Die Gebete sind eher allgemein und kurz. Der Glaube eine persönliche Angelegenheit anstatt die Zugehörigkeit zu einer Lebensgemeinschaft. Leben wir Kirche vielleicht falsch?
Und würde eine solche Gemeinschaft nicht so vieles heilen? Ängste um die finanzielle Sicherheit, Einsamkeit, die Schere zwischen Arm und Reich, das Gefühl nirgendwo dazuzugehören, der Mangel an Wärme und Anteilnahme, Beistand in persönlichen Nöten, … Und wäre es nicht wie ein Wunder in einer Welt geprägt von Kapitalismus, Vereinsamung, Ich-zentriertheit und zerbrechenden Familien?
Kann man unser Bild von Kirche im Vergleich zu den Texten in der Bibel überhaupt Kirche nennen? Haben wir nicht das Wichtigste verloren? Vielleicht sogar das, was unsere Gesellschaft am meisten braucht? Hat das Salz – wie Jesus einmal warnte – vielleicht seine Kraft zum Würzen verloren? Sind wir deshalb irrelevant für unsere Umwelt und unser Glaube so unattraktiv geworden?
Ich möchte klarstellen, dass ihre Lehre klar und zentral war – aber nicht ihre Hauptbeschäftigung, wenn sie sich getroffen haben. Ich möchte klarstellen, dass sie sich auch im Tempel trafen – aber eben genauso viel in ihren Häusern, Küchen und Wohnzimmern. Ich möchte klarstellen, dass sie auch religiöse Rituale wie das Abendmahl hatten – aber eben auch genauso oft ein alltägliches gemeinsames Abendessen in kleinen Gruppen. Ich möchte klarstellen, dass es hier auch Strukturen gab – aber vor allem eine Großzügigkeit und Herzlichkeit, die über bloße Worte hinausging. Zentral war das Gebet, das Teilen, der gelebte Alltag, persönliche Anteilnahme und Nähe. Was ist bei uns zentral? Wie können diese Dinge wieder zentral werden?
Es wirkt wie ein Wunder - das sich vielleicht nicht lange hielt – aber das sich vielleicht wiederentdecken lässt? Ist es ein weltfremdes Ideal oder jeder Schritt in diese Richtung genau die Medizin, die unsere Welt gerade braucht?
Wenn dich dieses Thema interessiert, empfehle ich dir das Buch "The Table I Long For" von Shawn Brace.




Hach, ich tue mich mit dem Wort „falsch“ so schwer. Können wir Kirche besser leben? Definitiv! 💯 Ich liebe meine Gemeinde, die Menschen dort. Es ist & bleibt ein Safeplace für mich. Vorallem die Erinnerungen an früher sind für mich immer die besten & schönsten Zeiten/Tage. Dieser unbeschwerte Glauben und die Momente, der Hoffnung, Liebe und Freude fühlen sich heute anders an. Trotzdem möchte ich sie nicht missen. Aber vielleicht brauchen auch wir einen Wandel oder die Möglichkeit, in der Zukunft „richtiger“ Gott in unserer Kirche zu (er-)Leben!