Gottesdienst einmal ganz anders
- 5. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Apr.

Der schönste Gottesdienst, den ich je erlebt habe, war der Karfreitags-Gottesdienst in einer kleinen evangelischen landeskirchlichen Gemeinde um die Ecke. Wir betraten einen dunklen Raum. Um die Dunkelheit des Tages nachzuempfinden, an dem Jesus gestorben war. Wir hörten Gedichte und Geschichten von Menschen, die versuchten im Leid Glauben zu finden - wie die Jünger. Wir aßen Osterbrot und kamen um ein Feuer zusammen. Wir segneten uns gegenseitig. Dieser Gottesdienst war für mich nicht nur ein Programm, er war ein Erlebnis mit allen Sinnen, das mich in die Erfahrung der Dunkelheit mitnahm und mich darin Jesus finden ließ. Ich war beeindruckt. So etwas hatte ich in einer Adventgemeinde noch nie erlebt.
Den Auferstehungsgottesdienst besuchte ich mit meiner Freundin am Montagmorgen bei den Marienschwestern, einer ökumenischen Gemeinschaft. Aus Neugier wollten wir uns einfach mal andere Gottesdienste anschauen und an Ostern hatten wir gerade Zeit dazu. Die Ordensschwestern schwenkten riesige bunte Fahnen, spielten eigene Lieder und riefen im Wechsel mit der Gemeinde: „Der Herr ist auferstanden.“ und „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Die Fahnen waren so groß, dass sie über die ganze Versammlung wehten. Die Schwestern strahlten dabei über das ganze Gesicht. Noch nie habe ich die Osterfreude an meinem ganzen Körper so gefühlt! Noch nie Menschen so berührt erlebt von der Tatsache, dass Jesus auferstanden ist! Ich werde mein Leben lang davon erzählen.
Und ich habe mich gefragt: Was können wir von den anderen Kirchen lernen? Was von dem, was sie seit Jahrhunderten praktizieren, könnte auch uns bereichern? Und welche Möglichkeiten gibt es noch, einen Gottesdienst anders zu gestalten? Warum überhaupt ist unser Gottesdienst so, wie er ist - und nicht anderes?
In der Bibel gibt es dazu schließlich kaum Vorschriften. Ganz im Gegenteil: Gottes Feste im alten Testament, die besondere Gottesdienste waren, prägten das ganze Jahr mit allen Sinnen: Hütten aus Laub bauen, bittere Kräuter essen und vieles mehr. Vielleicht könnte uns das alte Testament ein Vorbild sein? Das Interessante ist: Selbst adventistische Gottesdienste sind nicht überall gleich und waren nicht zu allen Zeiten so wie heute. Ellen White schreibt zum Beispiel:
Wenn die Gemeinde keinen Pastor hat, sollte jemand zum Leiter der Versammlung ernannt werden. Es ist jedoch nicht notwendig, dass er eine Predigt hält oder einen großen Teil der Gottesdienstzeit in Anspruch nimmt. Eine kurze, interessante Bibellesung ist oft wirkungsvoller als eine Predigt. Im Anschluss daran kann eine Zusammenkunft zum Gebet und zum Austausch von Zeugnissen stattfinden.
(Testimonies for the Church, vol. 6, p. 361.2)
Kannst du dir einen Gottesdienst ohne Predigt vorstellen? Ellen White meint: Es könnte sogar wirkungsvoller sein. Hast du schon einmal eine Bibellesung erlebt? In der Corona-Zeit haben wir uns als Freunde manchmal ein ganzes Bibelbuch am Stück vorgelesen. Es war ein sehr interessantes Erlebnis – niemand hat unterbrochen, die Worte aus dem Kontext gerissen oder kommentiert. Plötzlich verstand man viel besser, worum es dem Autor ging.
Ein anderes Element, das in meinem Umfeld fast ganz in Vergessenheit geraten ist, sind Erfahrungsstunden. In kleineren Gemeinden gibt es häufig Raum davon zu erzählen, wie man in der letzten Woche Gottes Segen, Schutz, Versorgung und Hilfe erlebt hat. Aus meiner Kindheit kenne ich auch noch Missionsberichte.
Im letzten Gottesdienst erzählte ein älterer Herr unserer Gemeinde davon, wie Gott ihn und seine Mutter früher im zweiten Weltkrieg vor Vergewaltigung und einer Erschießung wegen Diebstahl aus Hunger verschont hat. Mich hat diese Geschichte so berührt, weil sie mir gezeigt hat, dass Gott heute noch genauso hilft wie früher. Weil es die aktuellen Sorgen beruhigt, die mir die Nachrichten derzeit machen (vor allem in Bezug auf die Menschen, die ich im Iran und in Afghanistan kenne). Ich glaube, dass besonders für Gäste und Kinder die Geschichten aus unserem Leben Gott noch viel näher bringen könnten als die der Menschen vor dreitausend Jahren. Oder glauben wir, dass wir Gott heute nicht mehr genauso brauchen und erleben können?
In der Bibel steht zum Beispiel auch an ca. 6-9 Stellen, dass wir Gott „ein neues Lied“ singen sollen. Es ist ein Prinzip, dass sich durch die ganze Bibel zieht. Niemals gibt es die Empfehlung besonders bekannte und tradierte Lieder zu singen – auch, wenn das ganz bestimmt trotzdem wertvoll ist.
Die biblischen Lieder berichten häufig von der eigenen aktuellen Erfahrung mit Gott. Sie sind eine Form des persönlichen Gebets: Mose, Debora, Hanna, David, Maria, Zacharias – sie alle sangen über ihre eigenen Erfahrungen; nicht nur die ihrer lang verstorbenen Vorfahren. Sie schrieben Lieder über das, was sie selbst mit Gott erlebt haben. Dabei waren sie alle keine professionellen Musiker. Diese Art von persönlichen und aktuellen Liedern hält den Glauben sehr lebendig und besonders für die Kinder verständlich. Ich fände es so spannend ihrem Vorbild zu folgen und eigene Lieder zu schreiben und zu singen.
Was ich damit sagen will: Unsere Gottesdienste könnten völlig anderes aussehen. Ich sage nicht, dass sie es müssen. Aber ich möchte gerne daran erinnern, dass unsere Art Gottesdienst zu feiern nichts "Biblisches" ist. Es gibt so viele andere Formen, die uns genauso - oder manchmal sogar noch besser - mit Gott in Kontakt bringen können.
Wir könnten die Länge ändern. Wir könnten die Uhrzeit ändern. Wir könnten den Ort ändern und uns wie die ersten Christen auch unter der Woche in den eigenen Häusern treffen. Wir könnten den Musikstil und die Instrumente ändern und den Menschen aus anderen Ländern in unserer Gemeinde ein Gefühl von Heimat geben. Wir könnten die Formen ändern und uns im Stuhlkreis oder mehr zum Gebet als zum Bibelstudium treffen.
Ich hätte wirklich Lust Neues auszuprobieren: mit Arabern auf Teppichen zu beten, im Gottesdienst Fahnen zu schwenken, meine eigenen Lieder vorzusingen oder Lieder auf Spanisch und Kenianisch zu hören, einmal alle Lichter auszuschalten, ein Feuer anzuzünden und den Erfahrungen der anderen zu lauschen, Bibeltexte unkommentiert vorzulesen und mehr zusammen zu beten als zu diskutieren. Man könnte Bibeltexte nachspielen und einmal zu Tamburinen tanzen. Ich glaube, Gott würde sich manchmal für mich viel näher anfühlen. Manchmal für meinen Nächsten – meine zwei kleinen Neffen (3 und 4 Jahre), die nie stillsitzen können, die peruanische Kollegin, die so schöne fremde Musik macht, die Afghanen, die lieber ihre Schuhe ausziehen, um zu Gott zu kommen.
Wer hätte den Mut, einmal Traditionen loszulassen und offen zu fragen: Was könnte Gottesdienst noch sein? Für wen wäre es vielleicht anders gut? Was wäre auch biblisch oder sogar der Bibel noch näher? Erzähl mal in den Kommentaren: Welche Gottedienstformen, die für dich ungewohnt aber bereichernd waren, hast du schon erlebt?
Kennst du auch schon meinen Artikel "Gottesdienst im Pub"? Das ist auch so eine spannende Geschichte...>>
Foto: WIX



Das weckt eine alte, fast verschüttet geglaubte Sehnsucht.
Es hat was göttlich magisches, Menschen kennen zu lernen, die vollkommen anders sind, andere Sprachen sprechen, andere Traditionen haben, aber dennoch Jesus lieben und ihn anbeten.
Ich bete, dass die Mauern verschwinden und wir zusammen in allen Sprachen, dieser Welt, Gott loben und anbeten.