Anleitung zu einem stillen Herzen
- 22. März
- 5 Min. Lesezeit

Nach einem großen Streit mit meinem Freund, der sich schon über Tage hinzog, funktionierte an mir gar nichts mehr. Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Mein Herz war in Aufruhr. In mir herrschte ein Sturm aus Angst, Wut, Enttäuschung und Verzweiflung.
Da kam mir die Idee in unsere große Buchhandlung zu gehen. Ich glaube, es war Gottes Geist, der mich dorthin führte. Noch nie habe ich mich besonders lange in einer Buchhandlung aufgehalten, aber an diesem Tag war die gedämpfte Atmosphäre zwischen Büchern, Sofas und Café für mich genau das Richtige. Lange saß ich dort einfach in einem Sessel, gefangen in meinem inneren Chaos. Dann sah ich mich um. Genau vor mir stand ein Tisch mit muslimischen Büchern zum Ramadan. Ich nahm das Buch „Es ist doch nur die Dunya. Worte für deinen inneren Frieden“ zur Hand. Ein Buch voller poetischer Texte und Zeichnungen darüber, wie Gott unsere Seele zur Ruhe bringen will. Wow! Als würde Gott direkt zu mir sprechen.
Lange saß ich da und lies die Texte über Frieden, Gebet und Gottvertrauen auf mich wirken. Schließlich stand ich auf, um zu schauen, ob sich in diesem Laden noch mehr Hilfe finden ließ. Ich stieß auf den Bestseller „Die Kunst nicht, nicht auf alles zu reagieren“ von Ryushun Kusanagi. Es ist ein Buch, dass den Buddhismus als Art des Denkens anstatt als Religion darstellt. Ich kaufte beide Bücher.
Kurz fragte ich ChatGPT, wie sich denn die Ideen in diesem Buch mit dem christlichen Glauben vereinbaren lassen. ChatGPT sagte mir, dass viele der alten Kirchenväter genau die gleichen Gedanken gelehrt hätten wie Buddha. In der Ostkirche entwickelte sich z.B. die Praxis der Hesychia (Stille, Ruhe). Die gleichen Gedanken finden sich auch genauso bei Meister Eckhart oder frühen Kirchenvätern. Erst indem das Christentum um 300 n. Chr. zur Staatsreligion ernannt worden war, wurden die Moral und Regeln so in den Vordergrund gestellt, dass diese "Praktiken des Herzens" immer mehr im Westen verschwanden. Tatsächlich beschreibt der Buddhismus in mancher Hinsicht das gleiche Ziel wie Jesus und Paulus: „Nirvana“ als einen Begriff für tiefen Frieden und völlige Freiheit von den Umständen und dem eigenen Ego und Begierden. Kurzum: Wie man ein ruhiges Herz bekommt.
Ich bin ein unheimlich emotionaler Mensch. Meine Gefühle sind immer viel zu groß. Sie überwältigen mich ständig und bringen mich aus meinem inneren Gleichgewicht – egal, ob es meine Begeisterung oder Angst und Verzweiflung ist. Dabei sind es natürlich vor allem Wut, Verletzungen, Enttäuschung und Frust, die mir das Leben schwer machen. Und ich weiß genau, dass ich ein besserer Mensch bin, wenn ich ruhig und friedevoll bin. Erst dann bin ich die beste Version meiner selbst. Erst, wenn ich selbst innerlich ruhig bin, wird mein Herz weit und ich habe Mitgefühl, Geduld und kann vergeben. In diesem Buch habe ich gelernt, wie mein Herz so ruhig werden kann wie ein See, in dem sich der Himmel spiegelt.
Der Buddhismus sagt: Das Leben bringt Leid mit sich. Aber die Ursache für das Leid sind nicht nur unsere Umstände, sondern häufig unser Denken und wie wir darauf reagieren. Wir klammern uns an Wünsche, Zustände und Vorhaben. Kusanagi beschreibt es als „ein Herz, dass außer Stande ist loszulassen“. Der Buddhismus nennt es die „Anhänglichkeiten des Herzens“. Uff, macht uns das unser Leben schwer!
Paulus beschreibt sein Herz erstaunlicher Weise als frei von diesen „Anhänglichkeiten“:
Nicht, dass ich etwas gebraucht hätte! Ich habe gelernt, mit dem zufrieden zu sein, was ich habe. Ob ich nun wenig oder viel habe, ich habe gelernt, mit jeder Situation fertig zu werden: Ich kann einen vollen oder einen leeren Magen haben, Überfluss erleben oder Mangel leiden. Denn alles ist mir möglich durch den, der mich mit Kraft erfüllt.
Philipper 4,11-13
Mir hat letztens jemand gesagt, dass ich einen „starken Willen“ hätte. Ich selbst weiß: Mir fällt es oft schwer, von meiner Meinung loszulassen. Ich will oft Recht haben. Ich kann kämpfen und durchhalten. Das ist meine Stärke. Aber das Loslassen ist meine Schwäche. Ich hänge sehr an meinen Wünschen und Ideen. Und das bringt mir im Leben viel Leid. Weil es oft ganz anders läuft, als ich es mir wünsche. Der Buddhismus sagt: Du musst deshalb nicht leiden. Du kannst lernen, die Dinge locker in deiner Hand zu halten, offen zu werden für das wahre Leben und nicht mehr so sehr zu klammern. Darum finde ich die häufigen "Bittgebete" manchmal eher Kontraproduktiv. Sie verstärken unser Klammern.
Die Bibel beschreibt dieses Ziel mit den Worten „Dein Wille geschehe“ oder „Die Wahrheit wird euch frei machen“ oder „Ich kann alles, durch den, der mich stark macht.“ Aber wie genau kommt man dahin?
In diesem Buch habe ich für mich gelernt: Frieden und Freiheit entsteht, in dem wir…
1) …nicht klammern, sondern loslassen. Klammern erzeugt Leid. Wenn wir immer versuchen die Realität und andere Menschen (oder Gott) verändern zu wollen, damit alles so wird, wie wir es uns wünschen, dann machen wir uns selbst das Leben schwer. Es ist wichtig, die Realität zu akzeptieren, wie sie ist.
2) Das Ziel ist ein Herz, das nicht „reagiert“, sondern versteht: Wenn ich einfach mein Herz beobachte und bestätige, was ich darin finde, dann komme ich schon ein Stück zur Ruhe. Der Weg zur Ruhe ist, das eigene Herz anzuschauen und zu benennen, was darin passiert.
Vor kurzem las ich den Satz: „Zu meditieren bedeutet in sein Herz zu schauen.“ Wir als Christen reden viel zu viel im Gebet und bearbeiten Gott, bis er sich unseren Wünschen beugt. Wie viel besser wäre es, gemeinsam mit ihm „unser Herz zu erforschen“ (Psalm 139), bis wir uns selbst verstanden haben. Diese Form des betrachtenden Gebets ist fast ganz verlorengegangen.
3) Das Einzige, was zählt, ist das Hier und Jetzt. Der Buddhismus nennt alles andere „Illusion“. Jesus nennt es „Sorgen“. Es sind Fantasien – positive oder negative – mit denen wir uns häufig beschäftigen. Aber es ist verschwendete Zeit. Wir sollten unseren Fokus allein auf eine einzige Sache richten: Was kann ich jetzt tun? Was sollte ich jetzt tun?
4) Ein wichtiger Teil des buddhistischen Denkens ist auch: andere nicht zu verurteilen. Auch das finden wir genauso in der Bibel wieder: Menschen genauso wie Umstände anzunehmen, wie sie sind. Natürlich können wir uns für Veränderung einsetzen – aber aus einem freien und friedvollen Herz, das versteht und demütig und sanftmütig ist. Es ist die zwei einzigen Adjektive (!), mit denen sich Jesus beschrieben hat: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Matthäus 11,29) Solche Christen braucht die Welt!
Das sind nur ein paar Gedanken aus dem Buch. Der Kirchenlehrer Franz von Sales beschrieb es so:
„Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart Gottes. Und selbst dann, wenn du nichts getan hast in deinem Leben, außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen – obwohl es jedes Mal wieder fortlief, wenn du es zurückgeholt hattest –, dann hat sich dein Leben wohl erfüllt.“
Mir hat dieses buddhistische Buch gezeigt, was damit genau gemeint ist. Ich ging aus diesem Buchladen als ein anderer Mensch heraus. Dank Buddha jesus-ähnlicher. Meine Wut und alle Forderungen hatten sich in Frieden aufgelöst. Ich konnte loslassen. Ich konnte akzeptieren und mit Frieden weitergehen. Mich macht es demütig, dass Gott mir durch einen buddhistischen Mönch geholfen hat. Gottes Wege sind unergründlich. Mögest du offen sein, Gott an Orten zu begegnen, wo du ihn nie erwartet hättest.



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