Trauma: Wenn Gott mehr gibt, als wir tragen können
- 19. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Mai

In den letzten Wochen habe ich oft den wohlgemeinten Satz gehört: „Gott wird dir nicht mehr geben als du tragen kannst.“ Damit sollte er trösten – jene, die gerade wegen einer Depression in der Psychiatrie waren, die eine Krebsdiagnose bekommen haben, die verzweifelt waren oder in einer Abhängigkeit steckten. Aber ich glaube, dieser Satz ist falsch.
Und ich glaube, dass dieser Satz auch Schaden anrichten kann. Er ist unser Versuch das Leid der anderen so klein zu machen, dass es aushaltbar wird. Es ist der Versuch uns selbst die Angst zu nehmen, dass uns etwas wirklich Schlimmes passieren könnte - dass wir niemals wirklich überfordert sein und seelisch Schaden nehmen könnten. Der Gedanke vermittelt uns ein Gefühl von Kontrolle. Er beruhigt uns. Und ich verstehe diesen Wunsch so gut.
Aber damit reden wir nicht nur das Leid der anderen kleiner als es manchmal ist. Wir laufen auch in Gefahr zu glauben, alle Christen könnten ihr Leid alleine bewältigen, wenn sie nur beten und glauben. Oder dass mit Gott alles erträglich ist. Und das ist ein Irrtum.
Ich möchte gerne erklären, warum ich es wichtig finde, mit dieser Lüge aufzuräumen. Aber woher kommt überhaupt dieser Satz? Denn biblisch ist er nicht. Ich überlasse hier der KI kurz die Zusammenfassung:
„Die Aussage stammt nicht aus der Bibel, sondern ist eine populäre Verkürzung, die meist fälschlich auf 1. Korinther 10,13 zurückgeführt wird. Sie wird außerdem durch spirituelle Literatur, Predigten und Aphorismen (z.B. von Ludwig Metzger) weiter verbreitet." Dabei spricht der Bibeltext von Versuchungen und nicht von Leid.
Paulus selbst berichtet nämlich von Erfahrungen, die über seine Kraft hinausgingen, die "zu viel" waren. Aber dieser Text wird selten zitiert:
„Denn wir wollen euch nicht in Unkenntnis lassen, Brüder, über unsere Bedrängnis, die uns in Asien widerfahren ist, dass wir übermäßig beschwert wurden, über Vermögen, sodass wir sogar am Leben verzweifelten.“
2. Korinther 1,8
Wenn es „zu viel“ wird
Tatsächlich geraten wir immer wieder in Situationen, die uns über-fordern. Die uns mehr abverlangen, als wir gerade leisten können. Situationen, bei denen wir Hilfe brauchen, die uns verstören, uns krank werden lassen und aus der Bahn werfen, eben weil wir so viel nicht tragen können. Und nicht immer kommt die Hilfe mit dem Unglück.
Der plötzliche Tod von geliebten Menschen. Ein Partner, der fremdgeht. Eine Gewalttat, die wir erleben. Einsamkeit, die uns zu erdrücken droht. Mobbing in der Schule. Manchmal alles gleichzeitig. Nicht immer hat jeder Menschen zur Seite, die ihn auffangen, Vertrauen, dass er das schaffen wirdn und die Kraft den Alltag weiter zu meistern. Manchmal wird es zu viel. Und Gott verhindert dieses „zu viel“ nicht.
Stattdessen bekommen wir Alpträume, entwickeln Schlafstörungen, werden unkonzentriert, verlieren oft Geduld und Mitgefühl - weil unsere Psyche so intensiv mit der Verarbeitung von Schock, Angst oder Traurigkeit beschäftigt ist, dass unser restliches Leben auf der Strecke bleibt. Kinder, die zuhause Gefahr erleben, schreiben schlechte Noten in der Schule, bekommen Magenkrämpfe, bleiben sogar oft körperlich zurück. Maches ist "zu viel" für uns. Auch, wenn wir an Gott glauben. Manches macht uns kaputt.
Wenn wir es nicht schaffen uns aus dieser Situation zu lösen, entstehen Panikattacken, Zwänge, Essstörungen. Obwohl man weiß, dass Gott da ist. Aber das nimmt nicht automatisch das Gift aus unserem Leben, das unserer Psyche schadet. Gott ist kein magischer Schutz vor der Verletzung und Bosheit anderer Menschen. All diese psychischen Stresssymptome sind auch kein geistliches Versagen – sondern sie zeigen, dass im Leben „zu viel“ Schlimmes passiert ist. Viel zu viel, was Gott nicht wollte. Dass aus irgendeinem Grund die Seele „verhungert“ oder schwer verletzt ist. Diese Menschen brauchen Hilfe; keine Versicherung, dass sie es alleine irgendwie schaffen. Der Glaube an Gott macht uns nicht zu Übermenschen. Seelische Not ist real - auch unter Christen.
Darum finde ich es lieblos zu sagen: „Gott wird dir nie etwas geben, was zu schwer für dich ist.“ Viele Dinge sind zu schwer für uns. Wir brechen unter der Last, wenn sie unsere Kraft übersteigt. Es macht uns psychisch oder körperlich krank, wenn wir sie zu lange aushalten müssen. Darum brauchen wir nicht nur dringend Gott, sondern vor allem eine Ende dieser Situation, die uns kaputt macht. Unterstützung, andere Menschen, manchmal professionelle Hilfe, Ruhe, Entlastung, Abstand, Trennung, manchmal Medikamente. Und manchmal wird es sogar "viel zu viel".
Trauma – wenn die Seele unter der Last bricht
Das, was mit einem Menschen passiert, wenn das Leben ihm "viel zu viel" Last auferlegt, nennt man in der Psychologie „Trauma“. Es ist ein Ereignis, wobei das Stresssystem eines Menschen überwältigt wird und den Körper in einen Zustand von Überforderung, Ohnmacht oder Lebensgefahr gerät und das er auch hinterher nicht verarbeiten kann. Das ist, wenn die Seele bricht. Was nicht bedeutet, dass ein Bruch nicht heilen kann.
Es gibt viel mehr traumatisierte Menschen in den Reihen unserer Kirchen als wir annehmen: sexueller Missbrauch über viele Jahre hinweg, dauerhafte Abwertung, Kontrolle, Manipulation, Vernachlässigung, auch geistlicher Missbrauch. Ist das immer nur so viel, wie ein Kind oder ein Mensch tragen kann? Niemals. Solche psychische Gewalt hinterlässt Spuren, zerstört manche Seelen für ein ganzes Leben, macht manche Menschen beziehungsunfähig, andere lebensunfähig, hinterlässt Narben und Verzweiflung.
Die menschliche Psyche weiß sich zu helfen bei so massiver Verletzung und Überforderung: Sie spaltet ab, wehrt ab, flieht in Ablenkung, versucht den Angreifer zu beschwichtigen, sich mit ihm zu identifizieren, ihn mit gespielter Liebe zu besänftigen, anzugreifen, sich zu betäuben. So entstehen Süchte, Kontrollzwang, Wutausbrüche, toxische Beziehungen, Depression, körperliche Beschwerden. Trauma ist, wenn das Nervensystem vor lauter Angst auch Jahre später nicht mehr entspannen kann. Vieles kann mit Hilfe heilen. Aber nicht alles wird auf dieser Erde heilen.
Was macht es jetzt mit einem Menschen, wenn ihm gesagt wird, dass Gott ihm nicht mehr gibt als er tragen kann? Es verkennt, dass er so viel tragen musste, dass er daran zerbrochen ist. Vielleicht auch nur, dass ein Teil gebrochen ist: das Urvertrauen, der Schlaf, die Fähigkeit zur Nähe, zur Ruhe zu kommen, sich im Spiegel anzuschauen, bestimmte Orte zu besuchen, ohne Suchtmittel zu leben, an Sexualität Freude zu empfinden. Der Satz verkennt die Größe des Leids und den Schaden, den das Leid angerichtet hat. Es verkennt die Überforderung, die kein Glaube verhindern kann und die Gott nicht verhindert hat.
Uns ist klar, dass auch Christen bei einem Autounfall sterben oder querschnittsgelähmt werden können. Ist uns klar, dass das auch psychisch leider regelmäßig passiert? Dass der Glaube weder einen Autounfall noch ein seelisches Trauma verhindert – obwohl Gott uns so oft verspricht zu beschützen? Ist uns klar, dass kein Mensch so etwas ohne Hilfe von außen bewältigen kann und dass selbst mit Hilfe der besten Ärzte und aller Gebete manches in dieser Welt nie heilen wird? Dass Menschen mehr Hilfe brauchen als den Glauben, um mit so etwas leben zu können? Können wir uns diesem Schmerz stellen? Der Enttäuschung von unserer Hoffnung, dass Gott für die Christen das Leben irgendwie automatisch leicht macht?
Wozu dann Gott?
In meinem kleinen Hauskreis sind wir sehr schnell sehr ehrlich geworden. Wir sitzen da und reden von unseren Reitunfällen, emotionalen Abhängigkeiten, toxischen Beziehungen, schweren Depressionen, sexuellen Gewalterfahrungen in der Kirche und in der Kindheit. Aber warum sitzen wir da, wenn Gott das alles nicht verhindert hat? Weil wir in all dem trotzdem seine Hilfe, seinen Schutz, seine Güte und seinen Segen erleben.
Wir erzählen uns die Geschichten von hilfreichen Therapeuten, von Schutz im Unglück, von der Hoffnung, dass es mehr Heilung gibt als auf dieser Welt möglich ist und dass unsere kleine Gemeinschaft uns gegenseitig in Liebe begleiten kann. Wir beten füreinander und erleben, wie Gott uns ein bisschen freier, ein bisschen fröhlicher, ein bisschen weniger einsam macht. Wir erleben Gottes Nähe, Gottes Fürsorge, Gottes Engel – obwohl wir uns Knochen brechen, Psychopharmaka brauchen, nächtelang weinen und immer noch zu viel Schokolade essen.
Was bringt also Gott? Uns bringt er zuerst eine Gemeinschaft, in der wir Mitgefühl, Liebe und Hoffnung bekommen und einander geben. Das ist schon einmal unendlich viel Wert und so heilsam! Außerdem tut er manchmal Wunder. In all dem Leid erleben wir unglaubliche Geschichten, die uns alle zum Staunen bringen: Gott ist da! Trotzdem. Er hilft uns.
Und Gott sortiert mein ganzes Elend: Ich weiß dank der Bibel, dass es den drohenden Gott, den meine Mutter als Kind kennengelernt hat, gar nicht gibt. Ich weiß, dass ich eigentlich geliebt bin – obwohl mich manche Menschen so abwertend behandeln. Ich lerne, dass das, was andere gemacht haben, nicht ok war – obwohl sie immer gesagt haben, dass ich nicht ok war. Gott schiebt die Schuld wieder auf die Schuldigen. Und will uns gleichzeitig auch hinter Tätern wieder Menschen sehen lassen. Gott lässt uns wachsen, heilen, gibt Hoffnung und eine andere Sicht als nur die von Täter und Opfer. Vieles am Glauben kann sehr heilsam sein. Auch zu wissen, dass Gott eines Tages alles heilen wird. Dass alles wieder gut werden wird.
Diese Welt bürdet vielen Menschen viel mehr auf als sie tragen können. Das sollte uns sehr verständnisvoll, mitfühlend und hilfsbereit machen. Darum sagt Paulus: "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Galater 6,2) Unsere Aufgabe ist es, die Größe der überwältigenden Lasten zu sehen, die einer alleine nie tragen kann – auch nicht, wenn er Gott hat. Den wahren Schaden anzusehen. Und dann mitzutragen, Hilfe zu holen und anzuerkennen, dass wir alle einen sehr großen Gott und eine Ewigkeit brauchen ohne die das alles niemals wieder gut werden könnte. Weil vieles viel zu schwer ist für uns. Darum brauchen wir Gott.



Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass Gott Menschen immer zusammen bringt. An verschiedenen Orten, durch verschiedene Zeiten und verschieden Erlebtes. Danke, dass du all die Zeilen hier teilst, die so viel Kraft und Wert bedeuten, wie unterschiedlich der Glaube helfen kann. Und es macht mich sehr glücklich und stolz, wie berührend deine Worte sind! HDGDL