top of page

Drei Afghanen beim Friedensgebet

  • 22. März
  • 5 Min. Lesezeit

Ich bin großgeworden mit den Geschichten von Missionaren, die ihre Heimat und Familie hinter sich ließen, um Menschen in fernen Kontinenten das Evangelium – die „gute Nachricht“ zu bringen. Sie hießen Hudson Taylor, Gladys Aylward, Mutter Theresa, Amy Carmichael, Jim Elliot, Graf Nikolaus von Zinzendorf, die Herrnhuter Bewegung.


Ich habe diese Geschichten geliebt. Mein größter Wunsch war es auch einmal Missionarin zu werden. Dabei weiß ich heute, dass Mission den Menschen in aller Welt nicht nur „die gute Nachricht“ brachte, sondern auch Massensterben an Pocken und Masern, andere Zivilisationskrankheiten, Unterdrückung, Ausbeutung, Umerziehung und den Verlust der eigenen Kultur.


Besonders berührt hat mich das Buch „Der weite Weg des Nataiyu“, das beschreibt, wie westliche Missionare Indianer-Kinder gut gemeint entführt und christlich umerzogen haben. Oder die Dokumentation über den kürzlich ermordeten US-amerikanischen freikirchlichen „Missionar“ John Allen Chau, der kürzlich versucht hat illegal isolierte Ureinwohner zu missionieren. Es sind kritische und traurige Zeugnisse, die wir lesen oder hören müssen, um zu verstehen, wie viel Leid falsch verstandenen Mission anderen Menschen gebracht hat und bringen kann.


Nichtsdestotrotz: Diese Welt braucht Hoffnung. Sie braucht das Wissen, dass es einen liebenden Gott gibt. Dass dieses Leben nicht alles ist. Dass es einen besseren Weg als Hass gibt. Eine afghanische Freundin von mir ist unter den Mullahs im Iran großgeworden. Ihr wurde mit der Hölle gedroht, wenn auch nur eine Haarsträhne aus ihrem Kopftuch herausschaute. Die gleichen Höllen-Androhungen finden wir im evangelikalen Christentum. Eine Religion der Liebe, die Menschen wirklich freimacht und ihnen einen Weg des Friedens beibringt, gibt es an wenigen Orten. Ob in Afghanistan oder Texas – Menschen lernen Gott oft als kontrollierend, drohend und als Machtinstrument überheblicher Männer kennen. Und wie man zu ihm beten kann? Viele Muslime haben das nur in einer ihnen fremden Sprache in unverständlichen Worten und strengen Ritualen gelernt.


Dabei sehen sie sich alle nach einem Gott, der nah, persönlich, liebevoll und verständnisvoll ist. Als ich einmal mit einer verzweifelten 16-jährigen Afghanischen Freundin auf ihrer Bettkante betete, schlug sie danach die Hände zusammen und rief ganz außer sich: „So kann man beten? Einfach mit Gott reden wie mit einem Freund? Ich will ab jetzt auch immer so beten wie du!“ Für sie war es eine Offenbarung. Viele Afghanen kennen es nicht, offen und ehrlich in ihrer eigenen Sprache mit Gott reden zu können. Und zwischen Rufmorden, verlorener Ehre, Krieg, Misstrauen und Gewalt in Familien sehnen sie sich nach einem Leben in Frieden. Einer anderen Art zu leben.


Ich habe gelernt, dass es ein Privileg ist zu wissen, wie man Konflikte gewaltfrei lösen kann. Ich habe gelernt, dass es ein Reichtum ist einer Religion zu folgen, die Liebe ins Zentrum stellt – und das für alle Menschen. Ich weiß jetzt, dass es etwas Besonderes ist, Vergebung zu lernen. Denn ich habe erlebt, wie Menschen Felsen von ihrem Herz gefallen sind, nachdem sie vergeben haben. Ich weiß, dass ich so vieles habe, wonach sich Millionen Menschen sehnen: Eine Familie, die betet statt sich zu beleidigen. Geschwister, die unterstützen statt abzuwerten. Eine Gemeinschaft die einander dient, anstatt einander zu kontrollieren und schlecht zu machen. Die Welt braucht immer noch Jesus. Sie braucht immer noch Missionare.


Aber wer würde schon nach Afghanistan gehen? Oder in den Iran? Wahrscheinlich wäre jeder Missionar auch innerhalb von Tagen oder Wochen ermordet oder ins Gefängnis gesperrt. Deshalb hat Gott einen anderen Plan und er könnte nicht besser für uns sein: Er bringt diese Menschen zu uns. Sie müssen unsere Sprache lernen. Niemand von uns muss Haus und Heimat verlassen. Er setzt sie direkt vor unsere Nase. Noch leichter könnte er es uns nicht machen.


Zurzeit helfe ich 23 erwachsenen Hauptschülern aus allen Ländern der Welt sich auf ihre Präsentationsprüfung im Hauptschulabschluss vorzubereiten. Es ist eine Gruppenarbeit. Das Thema dürfen die Schüler selbst wählen. Zwei junge Frauen und ein Mann aus Afghanistan wählten das Thema: „Die Religionen in Darmstadt“ Sie möchten gerne einen christlichen Gottesdienst besuchen. Ehrlich: Ich bin beeindruckt. Ob ich mich das an ihrer Stelle getraut hätte?


Ich frage Sie auch: „Warum haben Sie gerade dieses Thema gewählt?“ Die drei Afghanen erklären mir: „In unserem Land gibt es keine anderen Religionen.“ „Es gibt viel Krieg auf der Welt wegen Religion.“ „Ich wollte die anderen gerne kennenlernen, aber in unserer Heimat darf man das nicht.“ „Ich habe erlebt, wie Andersgläubige in Pakistan verfolgt und getötet wurden.“


Schließlich besuchen sie einen katholischen Gottesdienst. Gegen den Willen ihrer Eltern. Auf dem Programm steht: „Ökumenisches Friedensgebet“. Obwohl Ramadan ist, fahren sie eine Stunde lang mit dem Bus und gehen zur Zeit des Fastenbrechens in die größte Kirche unserer Stadt. Sie bekommen fünf DIN-A-4-Seiten schriftliche Friedens-Gebete ausgehändigt. Hinterher teilen sie ihr mitgebrachtes Essen mit den Kirchenbesuchern. Ich frage sie: Wie war der Besuch für sie?


Ihre Augen leuchten, aber man spürt ihre Nervosität und Anspannung. „Wir haben alles versucht mitzubeten, aber leider die Sprache war so schwer.“ Mh, sie schämten sich, weil sie die Gebete nicht schnell genug mitlesen konnten. „Ganz ehrlich, Frau Wolf“, erzählt mir der junge Mann, „Mein Herz war so angespannt, ich dachte, ich falle in Ohnmacht.“


Das, was sie in der Kirche erlebten, war ein Kulturschock – eine körperliche und psychische Stressreaktion auf etwas völlig Fremdes, auf das man unvorbereitet trifft. Das ist der Grund, warum sich viele Deutsche nicht einmal in eine Moschee trauen. Alles ist anders – die Sprache, die Architektur, die Gerüche, die Geräusche, die Rituale, die Inhalte. Für meine Schüler eine derartige Überforderung, dass sie es an ihrem ganzen Körper spürten. Eigentlich ein schlimmes, unfassbar stressiges Erlebnis. Obwohl sie völlig offen, neugierig und unvoreingenommen dorthin gegangen sind. Freiwillig gehen sie bestimmt nie wieder. Obwohl sie den Inhalt gut finden.


Fünf Jahre lang leben sie schon in Deutschland. Manche Muslime denken, sie dürfen eine Kirche nicht betreten. Andere haben mir erzählt, sie dachten, dass die Kollekte der Eintrittspreis war. Dann gibt es da manchmal Alkohol. Ich bin so froh, dass sie nicht in die Eucharistie-Messe gegangen sind – sie wären wahrscheinlich wirklich in Ohnmacht gefallen. Das ist ja für mich als Christ schon ein Kulturschock.


Ich habe im Flüchtlingsheim gesehen, wie die jungen Afghanen Bibeln gelesen haben. Ich habe mit den Vätern, die ihre Töchter geschlagen haben, auf der Bettkante gesessen und überlegt, wie es besser gehen könnte. Ich kenne mehrere muslimische Frauen, die Träume und Visionen von Jesus hatten. Manche von ihnen gehen in die Kirche, um mit Jesus zu reden. Ich kenne afghanische Frauen, die an christlichen Gemeindewochenenden teilgenommen haben und junge afghanische Männer, die adventistische Gottesdienste besuchen und jedes Lied mitsingen. Sie sind offen. Sie suchen. Sie sehnen sich nach einem liebevollen Gott. Aber wo können sie ihn finden ohne einen Kulturschock erleben zu müssen und sich völlig fremd zu fühlen?


Ich träume von einem Gottesdienst, in dem sich Afghanen wohlfühlen. Von einem Ort, wo sie Gott in meinem Land in ihrer Sprache und in ihrer Kultur kennenlernen können. Ich träume von einem Gottesdienst, wo alle auf Teppichen sitzen, Tee trinken und zusammen Reis essen. Ich träume davon, dass sie lernen, dass Jesus kein westlicher Christ ist, sondern ein orientalischer Jude, der zu den Menschen nach Hause kam. Jesus hat Menschen nie an einen religiösen Ort geholt, um sie dort über Gott zu belehren. Er hatte keine Komm-Struktur, sondern eine Geh-Struktur, so sagen wir in der Sozialarbeit. Er hat die Menschen dort aufgesucht, wo sie sich wohlgefühlt haben. Er kam in unsere Welt. Als einer von uns. Er verhielt sich wie wir. Er sprach unsere Sprache. Ich wünsche mir, dass wir diese Gelegenheit nutzen und wie Jesus werden: dass wir den Menschen entgegenkommen; wie sie werden. Damit sie den Frieden finden, den sie suchen.


 
 
 

2 Kommentare


J.
01. Apr.

Vor ein paar Jahren habe ich versucht online eine Bibel in afghanischem Pashto zu finden. Dabei bin ich auf ein Projekt gestoßen, das damals noch dabei war die Bibel zu übersetzen. Eine der beiden wichtigsten Sprachen in Afghanistan und es gab keine Bibelübersetzung! Das hat mich damals wirklich schockiert.

Gefällt mir

Mareike
27. März

Mein größter Reichtum ist der Glaube. Der Glaube, der Liebe und Hoffnung vereint. Danke Gott für deine Güte!

Gefällt mir

Möchtest du automatisch über neue Blogartikel informiert werden?

Dann kannst du diesen Blog abonnieren.

Ich freue mich, dass du mir folgst!

bottom of page