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Gottes Menschen außerhalb der Kirche

  • 12. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Nov. 2025



In der Kirche geht es oft um Mission: Wir wollen „den anderen“ „die Wahrheit“ bringen. „Die anderen“ sollen Nachfolger von Jesus werden. Schließlich kennen wir Gott und sie nicht. Aber ist das wirklich so? Ich behaupte: Diese Trennlinie gibt es nicht. Es gibt nicht die „Gruppe der Gläubigen“ (in der Kirche) und „alle anderen Ungläubigen" (außerhalb der Kirche).


Tatsächlich ist es so: Unter „den anderen“ gibt es schon viele Menschen, die zu Gott gehören. Das sagt die Bibel. Unter „den offiziell Gläubigen“ gehören dagegen gar nicht alle zu Gott. Es gibt kein „innen“ und „außen“. Überall befinden sich Gläubige und Ungläubige. Die Gruppen sind gemischt. Paulus schrieb an die erste christliche Gemeinde in Korinth (sicher alle getauft und regelmäßig im Gottesdienst):


„Kommt zur Vernunft und hört auf zu sündigen. Denn zu eurer Schande muss ich sagen, dass einige von euch Gott überhaupt nicht kennen.“

(1. Korinther 15,34)


Das heißt: Auch in der Kirche gibt es Menschen, die Gott überhaupt nicht kennen. Auf der anderen Seite zeigt uns die Bibel, dass es „da draußen“ unter den „Ungläubigen“ inmitten einer falschen Religion durchaus Menschen gibt, die trotzdem zu Gott gehören:


„Und ich hörte eine andere Stimme aus dem Himmel sagen: Geht aus ihr [Babylon, Anm.] hinaus, mein Volk, damit ihr nicht an ihren Sünden teilhabt und damit ihr nicht von ihren Plagen empfangt!“

(Offenbarung 18,4)


Viele Adventisten meinen, dass die anderen Kirchen (auch: Religionen) im Irrtum sind, weil ihre offiziellen Lehrmeinungen nicht mit der Bibel übereinstimmen. Sie glauben nicht alles so wie wir. Für Gott ist es aber kein Problem, sie trotzdem „mein Volk“ zu nennen. Ist ihm es egal, dass sie in manchen Punkten irren. Er schaut auf das Herz und ihr Verhalten – ein ganz anderes Kriterium. Ellen White bestätigt das:


„Das Volk Gottes wird aufgefordert, Babylon zu verlassen. Dieser Schrift zufolge müssen sich viele von Gottes Volk noch immer in Babylon aufhalten. Und in welchen religiösen Gemeinschaften findet sich heute der Großteil der Nachfolger Christi? Zweifellos in den verschiedenen Kirchen, die sich zum protestantischen Glauben bekennen.“

(GC88 382.3)


Trotz der geistigen Finsternis und der Entfremdung von Gott, die in den Kirchen Babylons herrscht, findet sich die große Schar der wahren Nachfolger Christi noch immer in ihrer Gemeinschaft. Viele von ihnen haben die besonderen Wahrheiten dieser Zeit nie erkannt. Nicht wenige sind mit ihrer gegenwärtigen Lage unzufrieden und sehnen sich nach klarerem Licht.“

(GC88 390.1)


„(…) Wir sollten darauf achten, nicht diejenigen zu bedrängen und zu verurteilen, die nicht dasselbe Licht haben wie wir. Wir sollten uns nicht besonders anstrengen, um die Katholiken hart anzugreifen. Unter den Katholiken gibt es viele, die sehr gewissenhafte Christen sind und in dem Licht leben, das auf sie scheint, und Gott wird zu ihren Gunsten wirken. Diejenigen, die große Privilegien und Möglichkeiten hatten und (…)  nur für sich selbst gelebt und sich geweigert haben, ihre Verantwortung zu tragen, sind in größerer Gefahr und werden von Gott stärker verurteilt als diejenigen, die in Lehrpunkten im Irrtum sind, aber dennoch versuchen, anderen Gutes zu tun.“

(Ev 575.1)


Was lernen wir aus diesen Zitaten? Die Menschen, die wirklich zu Gott gehören, befinden sich auch unter denen, die „in Lehrpunkten im Irrtum sind“ (und darum natürlich auch andere (falsche) religiöse Praktiken haben). Sie glauben an die unsterbliche Seele, haben eine andere Meinung über das Wesen von Jesus und den Heiligen Geist, vielleicht vom Abendmahl, feiern den Sonntag und glauben wer weiß was noch, was in unseren Augen falsch ist.


Aber das Kriterium, nachdem Gott seine Leute aussucht, ist: Ob sie versuchen anderen Gutes zu tun. Ob sie versuchen nach dem zu leben, was sie für richtig erkannt haben – wie wenig und wie falsch es auch sein mag.


Ich möchte noch einen Schritt weitergehen. In einem meiner letzten Artikel habe ich gezeigt, dass Jesus besonders beeindruckt war von Menschen, die gar nicht zum „offiziellen Volk Gottes“ (zu den Juden) gehört haben. Ellen White hatte zu ihrer Zeit wohl kaum Kontakt zu Menschen von ganz anderen Religionen (Muslime, Hinduisten, etc.). Jesus zu seiner Zeit schon. Er fand den größten Glauben bei einem römischen Hauptmann, das größte Vertrauen bei einer kananäischen Frau, die größte Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft bei Samaritanern. Sogar mehr Glauben, Dankbarkeit und Vertrauen als bei den Juden.


Das bedeutet: Gottes Volk ist keine Gruppe, die man von außen erkennen könnte, weil sie in eine bestimmte Kirche gehen. Gottes Volk ist überall. Überall dort, wo Menschen versuchen nach ihrem besten Wissen und Gewissen Gutes zu tun. Sie gehören zu denen, die wir oft für „Ungläubige“ halten.


Wenn wir also nach „Babylon“ schauen – ein Symbol in der Bibel für eine falsche Religion und eine wirklich schlimm falsche Religion mit lauter Menschen, die Gott verachten oder missverstehen - dann sollten wir erwarten dort Menschen zu finden, die zu Gott gehören – trotz falscher theologischer Überzeugungen. Sogar inmitten von Systemen, die Gott ablehnen (das ist Babylon).


Menschen, die zu Maria beten, damit ihr Nachbar geheilt wird. Menschen, die den Rosenkranz murmeln, weil sie die Nähe Gottes suchen. Menschen, die Kerzen für die Toten anzünden, weil sie ihnen Gutes tun wollen. Menschen, die an Mohammed glauben und darum den Armen helfen und fünfmal am Tag beten. Menschen, die in die Moschee gehen, um Gott ihr Herz auszuschütten. Vielleicht sogar Menschen, die sich selbst kasteien, weil sie Gott zeigen wollen, wie sehr ihnen ihre Schuld leidtut. Menschen, die irren. Aber die Gott suchen. Hinduisten wie mein persönliches Vorbild Radhi Devlukia, die jeden Morgen voll Dankbarkeit zu Gott betet und singt. Menschen wie Jay Shetty, auch Hinduist, der die Menschen dazu ermutigt, einander zu dienen und sanftmütig zu sein. Deren wunderschönen Glauben habe ich noch nicht in vielen Kirchen gefunden. Gerade diese zwei Hinduisten ermutigen mich immer wieder in meinem Glauben.


Ich finde diese Erkenntnis revolutionär! Es gibt kein „wir, in der Kirche, die Gläubigen“ und „die anderen, draußen, die Ungläubigen“. Stattdessen müssen wir vielleicht innerhalb der Kirche missionieren und dürfen uns auf der Straße freuen, auf Gleichgesinnte zu stoßen. Wir müssen nur unsere Kriterien ändern: anstatt auf „die korrekte theologische Überzeugung“ geht es um „ein Herz wie Jesus“. Menschen, die Gott und ihren nächsten Lieben. Wie würde christliche Mission wohl dann aussehen?


Ich habe so viel Respekt vor meinen Mitgläubigen in all den anderen Religionen. Sie wissen so wenig. Wenn ich sie über ihre Religion ausfrage, haben sie oft keine Antworten, wirken manchmal sogar dumm und naiv. Sie haben nie ein Buch gelesen und können in keiner Diskussion gewinnen. Aber sie teilen, sie beten, sie danken, sie helfen, sie vertrauen, sie vergeben, sie lieben. Sie gehören zu Gott.

 
 
 

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