Gemeinsames Gebet: anziehend statt abstoßend
- 27. März
- 5 Min. Lesezeit

Als ich diese Woche die Gemeindeordnung unserer Kirche überflog, blieb ich an folgenden Zeilen hängen:
„Gebetsstunden sollten die interessantesten Versammlungen sein. Häufig werden sie jedoch mangelhaft geleitet. Viele kommen zur Predigt, vernachlässigen jedoch die Gebetsversammlungen. Darüber muss nachgedacht werden.“ [1]
Einmal im Jahr gibt es in unserer Kirche eine Gebetswoche. In meiner Kindheit kam man Mitte November jeden Abend bei einer anderen Familie zusammen, um eine Zeitschrift zum Thema Gebet zu lesen und anschließend zusammen zu beten. Das Lesen und die Gespräche zum Artikel dauerten in meiner Erinnerung etwa 40min, das Gebet ungefähr 10min. Dabei sammelte man vorher verschiedene Bitten und Wünsche, um sie dann – einer nach dem anderen - in einer kleinen frommen Rede zu wiederholen.
Darf ich ehrlich sagen, dass es für mich keine schrecklicheren Veranstaltungen als diese in meinem gesamten Gemeindeleben gab? Eher wäre ich im Erdboden versunken als daran teilzunehmen und hatte doch immer ein schlechtes Gewissen nicht mitmachen zu wollen. Warum kam ich mit diesen Gebetsabenden nicht klar? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Viele davon stehen tatsächlich in unserer Gemeindeordnung:
„Lange, weitschweifige Reden und Gebete sind nirgends angebracht, erst recht nicht, wenn die Gemeinde sich versammelt. Es darf nicht geschehen, dass diejenigen, die schnell mit dem Wort sind, sich so ausbreiten, dass sie die nicht zu Wort kommen lassen, die schüchtern und zurückhaltend sind. Häufig ist es so, dass die Oberflächlichsten am meisten reden. Sie beten weitschweifig und ohne Überlegung und ermüden Engel und Menschen, die ihnen zuhören müssen. Gebete sollen kurz und treffend sein. Wenn jemand meint, lange und ermüdend beten zu müssen, soll er das zu Hause im stillen Kämmerlein tun.“
(Testimonies for the Church, Bd. 4, S. 70f.; Schatzkammer, Bd. 1, S. 418)
Für mich gab es noch andere Gründe, die dazu führten, dass ich mich unwohl fühlte. Der Hauptgrund war, dass ich zu diesen Menschen keine persönliche Vertrauensbeziehung hatte. Sicher, sie waren nett und bekannt, aber ich wollte mich ihnen gegenüber nicht öffnen. Sie waren im Alter meiner Eltern und niemandem von ihnen wollte ich erzählen, was wirklich in mir vorging. Den anderen schien es genauso zu gehen.
Das führte dazu, dass kaum jemand über sich selbst sprach, sondern jeder immer nur über die Probleme von anderen redete. Es war kein Raum für Ehrlichkeit und Verletzlichkeit. Vor allem wurde für die Kranken und äußerliche Probleme gebetet. Aber für den Streit in der Familie? Die jahrelange eigene Depression? Vergebung für den persönlichen Neid und Wutanfall vor zwei Tagen? Niemand hier brauchte selbst Hilfe.
Zum anderen bestanden die Gebete zu mindestens 90% aus Bitten. Bis heute frage ich mich: Wer von all diesen Christen hat denn irgendeine Beziehung im Leben, die zu 90% aus Bitten besteht? Benutzen wir Gott hier nicht bloß als Automat für unsere Wünsche? Ist das alles, woraus unser Gespräch mit ihm besteht?
Später entdeckte ich für mich, dass Gebet so viel mehr sein kann: Dank, Lob (Komplimente, Bewunderung), Zweifel, Fragen, Wut, Glaubensbekenntnis, Fehler, u.v.m. Und dass Gebet kein Monolog sein muss. Wir dürfen auch still werden und auf Gottes Antwort hören. Ist es nicht viel wichtiger, ihn zu unserem Herzen sprechen zu lassen? Er weiß doch ohnehin schon, was wir ihm sagen wollen. Aber umgekehrt? Ich habe gelernt, die Stille im Gebet zu lieben, weil sie mich verändert. Weil sie Antworten schenkt auf unsere Fragen.
Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich Leiterin des Gebetsteams auf dem Youth in Mission Congress mit 1500-2000 Teilnehmern werden wollte. Das bedeutete für mich eine große Ehre und eine große Herausforderung zugleich. Ganz schnell merkte ich: Die meisten Leute fanden gemeinsames Gebet so schrecklich wie ich. Kaum jemand nahm daran teil. Morgens waren es vielleicht 30 Personen, tagsüber nur fünf. Es war offensichtlich: Die wenigsten Menschen haben gemeinsames Gebet als etwas Bereicherndes, Erfüllendes, Attraktives und Angenehmes erlebt. Also musste ich mir etwas einfallen lassen.
Ich probierte alles Mögliche aus und fragte die Teilnehmer jedes Mal hinterher, was ihnen gefallen hatte. Dabei wurde mir immer mehr klar, dass folgende Elemente gemeinsames Gebet angenehm und attraktiv machen:
1) Ein vertrauensvoller Rahmen: Das Gefühl sicher zu sein, angenommen und nicht verurteilt zu werden ist unverzichtbar. Dafür braucht es klare Regeln (alles bleibt unter uns), eine vertrauensvolle Anleitung (empathische Leiter und starke Führung) und Menschen, die mutig voran gehen und sich selbst verletzlich zeigen. Verletzlichkeit und Mut sind ansteckend. Oft teile ich zuerst etwas sehr Persönliches von mir. Dann trauen sich häufig auch andere. Ratschläge und belehrende Kommentare sind hier definitiv fehl am Platz. Der Leiter muss so etwas gekonnt unterbinden. Das Gefühl der emotionalen Sicherheit in der Gruppe entscheidet über den Erfolg der Gebetsstunde am meisten.
2) Freiwilligkeit: Gebet sollte immer ohne Druck stattfinden. Darum vermeide ich es, in irgendeiner Reihenfolge zu beten. Ich lade jeden ein, einfach nur schweigend teilzunehmen und zuzuhören. Niemand soll das Gefühl haben, etwas sagen zu müssen, sich öffnen zu müssen. Oder fromme Worte produzieren zu müssen. So haben auch schon muslimische oder kirchenferne Gäste durch Zuhören gelernt, wie man mit Gott reden kann. Ich glaube: Beten lernt man, indem man anderen beim Beten zuhört.
3) Abwechslung: Lange Gebete, sich wiederholende Gebete und ausschließliche Bitt-Gebete sind ermüdend und langweilig. Also habe ich gelernt, mit der „Let’s-Pray“-Box[2] zu beten. Hier gibt es Karten nach Themen sortiert: Dank, Fürbitte, Wut und Zweifel, u.s.w. Manchmal hilft ein Satzanfang, den ich in die Mitte lege: „Gott, ich fühle mich gerade…“ Oder: „Gott, ich habe Angst vor…“ Oft teile ich zu Beginn oder Ende ermutigende Bibeltexte[3] aus und alle sollen in Stille hören, was Gott dadurch zu ihnen sagt. Oder wir schweigen fünf Minuten. Oder wir legen einen Bibeltext in die Mitte und beten, was uns dazu einfällt. Kreative Methoden machen das Gebet kurzweilig und vielfältig. In der Gemeindeordnung steht:
„Gestaltet die Gebetsversammlung in jeder Woche etwas anders.“ (S. 175)
4) Kurze Gebete: Dazu ist es absolut wichtig, alle anzuhalten, ihre Gebete kurz zu fassen. Ein bis zwei Sätze pro Gebet sind genug. Wenn die erste Person alles sagt, wird es schwierig für die anderen etwas zu sagen, ohne einfach alles zu wiederholen. Das muss vermieden werden. Außerdem soll niemand durch besonders ausformulierte Gebete eingeschüchtert werden. Es reicht, Gott einen Satz zu sagen. Nur so können auch schüchterne und weniger wortgewandte Personen Mut finden, mitzumachen. Nur so kann sich jeder beteiligen. Ich ermutige auch jeden, in seiner Muttersprache zu beten.
Ich persönlich habe erlebt: Gebet kann so viel mehr als jede Predigt. Nichts verändert unser Herz so sehr wie die Zeit im Gespräch mit Gott. Nichts bringt mehr Frieden und verbindet Menschen tiefer. Und wenn alle für das Anliegen und die Not einer Person beten, entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft und Getragen-werden, dass ich mit nichts anderem vergleichen kann. Es ist immer etwas ganz Besonderes zu hören, wie andere für mich vor Gott einstehen. Wenn wir uns hier verletzlich zeigen können, kann so viel Heilung geschehen.
Darum sollten diese Stunden (nicht Minuten!) keinen geringeren Stellenwert in unserem Gemeindeleben haben wie die Predigt: etwas Unverzichtbares, Wöchentliches, Zentrales. Davon träume ich noch. Ich glaube, Gott könnte viel mehr in unserer Mitte bewirken.



All das, was du niedergelegt und reflektiert hast, spiegelt sich sonntags bei dir wieder. In deinem Kreis, in deinen Armen - all das umhüllt deinen Raum voller Vertrauen und Offenheit für jede Dankbarkeit 🙏 Danke dir!☺️