Die Gewalt der Frauen
- 9. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Dez. 2025

In meiner Familie ging die Gewalt von den Frauen aus. Besonders in der Familie meiner Mutter. In der Öffentlichkeit wird viel häufiger über die Gewalt von Männern gesprochen: körperliche, äußerliche Gewalt, die sichtbare Verletzungen hinterlässt. (Ich kenne persönlich auch Frauen, die ihre Männer mit Gegenständen angegriffen und geschlagen haben. Und natürlich können auch Männer in anderer Form Macht und Gewalt ausüben.) Ich möchte hier aber darüber schreiben, wie Frauen Gewalt ausüben. Weil ich eine Frau bin. Weil ich mich selbst dafür sensibilisieren möchte. Weil ich viele machtvolle Frauen erlebt habe, die ihre Macht missbraucht haben. Weil ich weiß, wie sehr ich schon andere verletzt habe - mit meinen weiblichen Waffen.
Ich würde (außer in Notwehr) nie jemanden ernsthaft schlagen. (Tatsächlich habe ich einmal einem Freund als Teenager eine Ohrfeige gegeben. In manchen Filmen wird das sogar als "weibliche Stärke" dargestellt.) Inzwischen wissen wir durch die Psychologie aber, dass auch seelische Gewalt im Köper abgebildet wird. Dass sie die gleichen Hirnareale aktiviert wie körperliche Gewalt. Unser Körper nimmt seelische Schmerzen genauso als Verletzung wahr wie ein Stich mit dem Messer.
Und ich glaube, das ist die Gewalt der Frauen: die unsichtbare, psycholgische, emotionale, subtile Gewalt, die innere Verletzungen verursacht, die man keinem Arzt zeigen kann. Aus meiner persönlichen Erfahrung kenne ich folgende Verhaltensweiesen von Frauen, die ich nicht weniger verletzend finde als einen Schlag ins Gesicht:
tagelanges strafendes Schweigen (den anderen ignorieren, die Beziehung verweigern) (Anmerkung: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit)
Witze über andere, sie ins Lächerliche ziehen (oder stichelnde Bemerkungen)
den anderen im Wort unterbrechen, sie totreden, ihnen das Reden verbieten
Vorwürfe, ständiges Kritisieren (einer der "apokalyptischen Reiter" nach John Gottman: ein sicheres Zeichen, dass eine Beziehung wahscheinlich scheitern wird)
schlecht über eine Person vor anderen reden
Verweigerung von Intimität, körperlicher Zuneigung
demütigende, herablassende, negative, beleidigende Kommentare
Fehler aus der Vergangenheit immer wieder hervorholen und vorhalten
den anderen nicht in wichtige Entscheidungen einbinden
kontrollierendes dominantes oder bestimmerisches Verhalten (z.B. im Haushalt)
anschreien
Drohungen
mangelender Respekt, mangelnde Anerkennung
Manipulation
den anderen verändern wollen (in eine Kopie des eigenen Selbsts) anstatt ihn in seiner Andersartigkeit zu akzeptieren
u.v.m.
Ich habe in meinem Leben vielleicht sogar mehr Gewalt von Frauen gegenüber Männern erlebt als umgekehrt. Es gibt viele sehr gutmütige Männer in meiner Familie, viele dominante Frauen. Aber ich habe nie jemanden erlebt, der das anspricht. Keiner, der sagt: "Das ist verletzend. Das ist nicht ok." Niemand, der sagt: "Stopp." Vielleicht, weil sich die Frauen oft solidarisieren und in der Gruppe auftreten. Vielleicht, weil Mann Angst hat, die Frau zu verlieren. Oder viel schlimmer: Vor anderen als der Schwächere dazustehen.
Es ist Gewalt gegenüber den Kindern: Sie müssen anziehen, was der Mutter gefällt. Ihnen wird verboten zu sprechen. Ihnen wird die Zuneigung verweigert. Oder sie werden kontrolliert und eingeschränkt. Sie werden "hässlich" genannt und ihre Schwächen werden vor den Freundinnen ausgepackt und weitererzählt. Sie werden mit anderen verglichen und gedemütigt.
Es muss nicht ein großer Schlag sein, der ein blaues Auge oder einen gebrochenen Arm verursacht. Das ist ein Grund die Polizei zu rufen. Es können aber auch viele kleine emotionale Stiche sein, die das Herz verbluten und vernarben lassen, wo es keiner sieht.
Und gleichzeitig merke ich, wie sehr ich selbst meine Macht in Beziehungen ausspiele: Weil ich weiß, wo der andere emotional verletzlich ist. Wo ich seinen wunden Punkt treffen kann, um die Diskussion zu beenden. Wie oft ich mit den Augen rolle. Wie ich den anderen für sein langsames Denken strafe und nicht bereit bin es noch einmal zu erklären. Wie ich andere im Wort unterbreche. Wie ich zeige, dass ich ihre Sicht der Dinge einfach dumm finde. Wie ich vergangene Fehler immer wieder hochhole. Wie ich subtil zeige: Ich denke, du kannst es eh nicht. Wie ich den anderen einfach ignoriere. Wie ich Zuneigung zurückhalte oder mich nicht anfassen lasse. Wie ich Vorwürfe mache anstatt konstruktiv um Veränderung zu bitten. Wie ich damit drohe den anderen zu verlassen. Wie ich im Haushalt bestimmen will und genervt bin von der Unfähigkeit es so zu machen wie ich es kenne. Wie ich daran arbeite, dass der andere so wird wie ich.
Und ich habe erlebt, wie die Männer reagieren. Sie resiginieren. Sie ziehen sich zurück. Sie werden still. Sie schämen sich. Sie werden passiv. Sie sind abwesend. Sie wünschen sich in eine andere Beziehung. Sie stürzen sich in die Arbeit, um von zuhause wegzukommen. Sie suchen woanders nach Anerkennung, Respekt und Liebe. Sie leiden unsichtbar. Und natürlich würden sie niemals ihren männlichen Freunden erzählen, dass ihre Frau sie zuhause so demütigt.
Ich wünsche mir, dass wir als Frauen darüber sprechen. Dass wir mutig werden zu sagen: Das ist nicht ok. Dass wir uns gegenseitig dafür sensibilisieren, wo wir respektlos und verleztend werden. Dass wir uns ermutigen, unsere Kinder und Männer und Väter mit Respekt und Zuneigung zu behandeln. Dass wir lernen, weibliche Gewalt in unserem eigenen Verhalten aufzudecken, wo wir sie vielleicht zuhause gelernt haben oder wo die Gesellschaft sie toleriert. Ich wünsche mir, dass man uns Christen "an der Liebe zueinander" erkennt (Johannes 13, 35) und dass wir wissen, was Liebe ist und was nicht.




Sehr gut! Ein sehr wichtiges Thema, vollkommen unerkannt, bis jetzt...