Der Sabbat - eine Kathedrale in der Zeit
- 31. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

Ich kann gar nicht beschreiben, wie schön ich die Gedanken in dem Buch finde, das mir meine Oma vor einer Woche mit einem Päckchen geschickt hat: „Der Sabbat“ von dem jüdischen Rabbiner Abraham J. Heschel. Ich glaube niemand hat jemals die Schönheit und Besonderheit des Sabbats besser beschrieben als er. Es sollte die Grundlektüre für jeden Adventisten sein. Aber ich befürchte, viele haben den Sabbat gar nicht ansatzweise in seiner Schönheit kennengelernt, wie Heschel es in diesem Buch beschreibt.
Hier ein paar Auszüge:
„Sabbatfreude war etwas Besonderes, weil wir an diesem Tag die Themen aussparten, die uns Kopfzerbrechen bereiteten und stattdessen von unseren Träumen und Hoffnungen sprachen.“
Für ihn war der Sabbat ein „Tag, an dem wir die Kunst lernen, über die Zivilisation hinauszuwachsen.‘“
(Vorwort von Susannah Heschel)
"Sabbat ist ein Bild der zukünftigen Welt, einer Welt, die kommt und doch schon in uns angelegt ist als Potenz, als Möglichkeit.“
(Beatrix Jessberger)
„Den Sabbat zu halten besteht nicht allein darin, Abstand zu nehmen von Arbeit, sondern Menuha zu schaffen, eine Ruhe, die zugleich ein Fest ist. Der Sabbat ist ein Tag für den Körper ebenso wie für die Seele.“
„Sechs Tage in der Woche ringen wir mit der Welt, ringend dem Boden seinen Ertrag ab; am Sabbat gilt unsere Sorge vor allem der Saat der Ewigkeit, die in unsere Seele gesenkt ist. Unsere Hände gehören der Welt, aber unsere Seele gehört einem anderen.“
„Der siebte Tag ist ein Palast der Zeit, den wir bauen. Er besteht aus Einfühlsamkeit, Ausdruck der Freude und dem Suchen nach Ruhe.“
Wenn ich an den Sabbat denke, an das, was er sein sollte, was er sein könnte, was er schon so oft für mich war, finde ich nur dieses Wort: Sabbatliebe. Ein Tag ein Stück vom Paradies. Ein Tag heile Welt. Ein Tag bei Gott. Ein Tag Freiheit. Er ist eine Kathedrale in der Zeit. Der eigentliche Tempel, den Gott uns gegeben hat, um ihn zu finden. Um alles zu genießen, was er uns gegeben hat, damit wir fühlen und schmecken: Gott ist gut. Der Sabbat soll erfrischend sein!
„Sechs Wochentage lang suchen wir die Welt zu beherrschen; am siebten Tag versuchen wir das Selbst zu beherrschen.“
Aber was macht den Sabbat heilig? Er ist ja schon heilig. Aber wie halten wir ihn heilig? Wie würdigen wir ihn? Wenn wir am Sabbat das tun, was wir an allen anderen Tagen auch tun, ist er nicht heilig, nichts Besonderes, nichts anderes für uns. Wir feiern seine Heiligkeit, indem wir ihn anders machen als alle anderen Tage:
„Nicht nur die Hände des Menschen feiern den Sabbat, auch Zunge und Seele halten den Sabbat. Man spricht an ihm nicht auf die gleiche Weise, wie man an den anderen Wochentagen spricht. An Geschäft und Arbeit zu denken, sollte man auch nur vermeiden.“
Ich denke daran, wie bei uns am Sabbat das Radio ausgeschaltet blieb. Wir lasen nicht unsere Romane, sondern Bücher über das Leben mit Gott. Meine Eltern redeten nicht über die Arbeit und wir Kinder dachten nicht einmal an die Schule. Auch nicht an das Studium, egal, wie groß die bevorstehende Prüfung war. Wir waren uns des Segens sicher, den der Sabbat gibt. Ich hatte nie die Angst, schlechtere Noten zu bekommen, weil mir ein Tag zum Lernen fehlte. Ich wusste, dass Gott hinter mir stand und es darum umso besser werden müsste.
Ich weiß leider, dass in vielen adventistischen Familien gerade die Verbote im Vordergrund stehen anstatt der Freude. Und darum müssen wir uns glaube ich, Gedanken machen, wie der Sabbat – ohne alltägliche Arbeit oder Albernheiten – denn ganz praktisch ein Tag der Freude und Leichtigkeit werden kann. Heschel schreibt:
„Heilige den Sabbat durch gutes Essen, schöne Kleider, erquicke deine Seele mit Freude, und ich will dir eben diese Freude lohnen. Er ist ein Tag für Seele und Leib – Luxus und Freude sind integrale Bestandteile der [Sabbathaltung]. Der ganze Mensch, alle Bereiche des Seins, müssen an dem Segen teilhaben.“
Das Besondere am Sabbat ist, dass er schon mit Sonnenuntergang am Freitag beginnt. Im Winter zündeten wir Kerzen an. Den ganzen Nachmittag hatten wir geputzt und aufgeräumt. Zu der Erleichterung nach der Hektik mischte sich noch der Geruch von Putzmittel. Dazu gab es Obstsalat mit Sahne oder Kuchen. Der Sabbat war für mich heilig, weil es besonderes Essen gab, besondere Dekoration, besondere Sauberkeit, besondere Lieder, besondere Geschichten, besondere Themen, besondere Ruhe. Oft blieb vom Kuchen noch ein Stück für das Frühstück am Sabbatmorgen. Alles das machte den Sabbat besonders. Der Gottesdienst natürlich auch.
Zu Sabbatanfang und Sabbatschluss las mein Papa uns Kindern oft vor. Meist waren es Bücher von Lebensgeschichten anderer Menschen und dem, was sie mit Gott erlebt hatten: Spurgeon, Newton, Graf von Zinzendorf,... Stundenlang lagen wir Kinder auf dem Sofa und ich erinnere mich, wie oft wir, weil es so spannend war, bettelten: „Noch ein Kapitel, bitte, nur noch eins!“ Einen Fernseher gab es bei uns zuhause sowieso nicht. Es waren diese Geschichten, die mein ganzes Leben prägten.
Nachmittags gingen wir im Sommer, wenn es heiß war, im See schwimmen. Manchmal spielten wir Badminton. Weil wir spazieren gehen oft doch sehr langweilig fanden als Kinder, suchten meine Eltern immer ein besonderes Ziel aus – ein Tierpark, ein See, eine neue Gegend. Eine lange Zeit studierte ich sabbatmittags immer unsere große Karte und ortete einsame Häuser, nach denen wir dann suchten. Viele von ihnen waren zerfallen und es fühlte sich jedes Mal wie ein Abenteuer an, die verfallenen Mühlen, Bauernhöfe oder Hütten im Wald zu suchen, die ganz verwunschen und zugenagelt ihre Geheimnisse hüteten.
Sabbat bedeutete fast immer Zeit in der Natur und immer unbeschwerte Zeit mit der Familie.
Etwas, das ich nicht kennengelernt habe, sind die besonderen Sabbatgebe, die ich gerne sprechen würde:
„Mögen deine Kinder erkennen und verstehen,
dass ihre Ruhe von dir kommt
und dass ruhen heißt,
Deinen Namen zu heiligen.“
(Nachmittagsgebet für den Sabbat)
„Erhabene Schönheit, Krone des Sieges,
ein Tag der Ruhe und Heiligkeit,
eine Ruhe in Liebe und Weitherzigkeit,
eine wahre und echte Ruhe,
eine Ruhe, die Frieden und Gelassenheit,
Heiterkeit und Sicherheit verleiht,
eine vollkommene Ruhe, an der Du Gefallen hast.“
(Nachmittagsgebet für den Sabbat)
Ich liebe den Sabbat. Aber ich merke, wie schnell man ihn verlieren kann. Ich merke, dass meine Familie ihn zu einem Teil verloren hat. Wir kochen wieder wie an allen anderen Tagen. Es herrscht Stress und Hektik. Wir dekorieren wenig am Sabbatanfang. Es gibt keine besondere Andacht mehr. Das Handy verlockt, den gleichen Müll wie immer auf Instagram anzuschauen. Und wir sprechen wieder über alles – nicht nur über das Schöne, das Wichtige, das Ewige. Aber es braucht diese Rituale, das Besondere, das Festliche. Sonst halten wir ihn nicht heilig. Ich möchte den Sabbat wieder für mich besonders machen. Weil ich merke:
Wenn ich den Sabbat halte, dann hält er mich. (Bei mir, bei Gott, im Frieden, im Vertrauen, bei meinen Menschen, im Blick auf die Ewigkeit.)




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