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Der Atheist in mir

  • 11. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

„Going into a church doesn’t make you anymore a Christian than going into a garage makes you a car.“ Was macht einen Menschen zu einem Gläubigen? In der Bibel zu lesen, in die Kirche zu gehen? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass auch in der Kirche viele Atheisten sitzen – und oft gehöre ich dazu.


Im Umgang mit den zwei kleinen Jungs (3,4) von meiner Schwester, habe ich gemerkt: Sie lernen Gott nicht durch biblische Geschichten kennen. Das hat gar nichts mit ihrem Leben zu tun. Genauso wenig mögen sie den Gottesdienst – stillsitzen, langweilige Lieder, fremde Geschichten. Der kleine Samuel sagte mir direkt: „Wenn man Gott nicht sehen kann, dann gibt es ihn auch nicht.“ Die Frage, ob er an Gott glauben kann, entscheidet sich daran, ob ich Gott für ihn sichtbar machen kann. Ob ich ihm zeigen kann, dass er etwas mit seinem Kindergarten-Alltag zu tun hat. Dass es ihn gibt, obwohl er unsichtbar ist.


So definiert die Bibel Glauben:


„Was ist nun also der Glaube? Er ist das Vertrauen darauf, dass das, was wir hoffen, sich erfüllen wird, und die Überzeugung, dass das, was man nicht sieht, existiert.“

(Hebräer 11,1)


Als Gläubiger zu leben bedeutet

1) das Unsichtbare zu sehen und

2) mit dem Unsichtbaren zu rechnen.


Für mich bedeutet es im Alltag Gottes unsichtbares Handeln zu sehen, von dieser unsichtbaren Realität zu reden und mit ihr zu rechnen. Ganz konkret meine ich:


-            Gottes Schutz

-            Gottes Führung

-            Gottes Versorgung

-            Gottes Segen


Wir werden alle groß in einer atheistischen Welt. Wir lernen von „Glück“ zu reden, von „Zufällen“, von „unserer Leistung“ und betrachten Dinge als „selbstverständlich“. Es ist die Beschreibung einer Welt ohne Gott. Und wo nur der Zufall herrscht, da entsteht auch Angst und Sorge.


Glauben bedeutet dagegen, hinter den Dingen Gott zu sehen. Es bedeutet alles Gute auf Gott zurückzuführen. Es ist ein anderes Weltbild. Es bedeutet das Leben nicht ohne Gott, sondern mit Gott zu interpretieren. Dann reden wir von „Segen“, von „Führung“, von „Schutz“, von „Versorgung“. Das Ergebnis ist: Dankbarkeit, Vertrauen, innere Ruhe.


Ann Voskamp, meine Lieblingsautorin, schrieb einmal:

„Überall, wo ich nicht in Dankbarkeit und Vertrauen lebe, lebe ich im Atheismus.“


Darum will ich ehrlich sein: Ich lebe oft als Atheist. Ich bin in einer Umwelt groß geworden, wo Gott nicht gesehen wird. Darum glaube ich, dass es so wichtig ist, dass wir als Gläubige lernen, über unseren Glauben zu reden und ihn sichtbar zu machen. Unser Leben mit Gott zu interpretieren. Ich will ein paar Beispiele geben:


Im November stellte sich in der Autowerkstatt heraus, dass mein Auto es nicht mehr durch den TÜV schaffen würde. Der KFZ-Mechaniker schickte mich nach Hause: „Der Preis ihr Auto zu reparieren ist höher als der Wert des Fahrzeugs. Kaufen Sie sich ein Neues.“ Mein Herz sank. Ein neues Auto ist teuer. Ich habe jahrelang mit meinem Geld Flüchtlingsfamilien in Afghanistan unterstützt und nicht so viele Rücklagen wie andere. Insgeheim hatte ich immer zu Gott gesagt: „Gott, wenn mein Auto mal kaputt ist, dann musst du mir irgendwie ein neues schenken.“ Ehrlich gesagt: Wirklich damit gerechnet habe ich nicht. Aber gerade einen Monat vor dem Besuch in der KFZ-Werkstatt war meine Oma gestorben und hatte meinen Eltern Geld vererbt, dass sie jetzt sinnvoll einsetzen wollten. „Wir haben beschlossen, dass wir dir ein neues Auto schenken wollen.“, erklärten sie mir am Telefon. Mir kamen die Tränen. Meine Familie hatte noch nie so viel Geld gehabt, um so große Geschenke zu machen. Niemals hatte ich wirklich damit gerechnet. Weil in mir noch der Atheist lebt, der glaubt, am Ende doch auf sich alleine gestellt zu sein. Der nicht ernsthaft damit rechnet, dass Gott mich versorgen wird.


Die Welt würde sagen: „Nette Eltern. Was ein Zufall! Glück gehabt.“ Ich dagegen sage: „Schau, wie gut Gott ist! Gott ist da. Er hat meinen Wunsch gehört, er hat meine Not gesehen. Er hat mich versorgt. Er hat alles so geführt, dass zum richtigen Zeitpunkt das Auto kaputt ging und das nötige Geld da war.“


Kurz danach am Weihnachtsmorgen war ich mit meinen zwei kleinen Neffen auf dem Spielplatz. Es lag nur wenig Schnee. Ich dachte nicht daran, wie rutschig es tatsächlich war und dass kleine Hände in Fausthandschuhen sich nicht gut festhalten können. In über zwei Metern Höhe verlor mein kleiner Neffe den Halt und stürzte vor meinen Augen vom Klettergerüst – auf den Kopf, Rücken und Nacken. Voller Angst trug ich ihn schreiend so schnell wie ich konnte nach Hause. Hatte er eine Gehirnerschütterung, einen gebrochenen Wirbel, einen gebrochenen Arm? Aber er hatte nichts, nicht einmal einen blauen Fleck oder irgendeinen Schmerz am nächsten Tag.


Was sage ich dem Kind? Sage ich: „Da hast du aber noch einmal Glück gehabt!“ Oder sage ich: „Gott hat dich beschützt. Er war da und hat auf dich aufgepasst, dass dir nichts passiert ist.“ Sage ich beim Schlafengehen: „Lass uns Gott noch danke sagen, dass er heute so gut auf dich aufgepasst hat.“? Das ist der Unterschied zwischen einem Atheist und einem Gläubigen. Es ist die Art, wie wir das Leben interpretieren und wie wir über das Leben reden. Ob wir nur mit uns selbst – oder ob wir auch mit Gott reden. Ob wir das Unsichtbare wirklich für real halten und es in unsere Normalität mit einbeziehen.


"Das Leben der Eltern ist das Buch, aus dem die Kinder lesen."

Augustinus von Hippo


Glauben ist eine Herzenshaltung. Es heißt die Welt mit Gott erleben. Es ist auch ein Weltbild. Es heißt, die Welt mit Gott zu formulieren. Und es ist eine Beziehung. Es heißt über Gott zu sprechen und mit Gott zu sprechen – anstatt zu schweigen. Es bedeutet sich an Gott zu wenden – anstatt alleine mit den Dingen fertig zu werden. Es bedeutet mit dem Unsichtbaren zu leben als ob es sichtbar wäre.


Ehrlich gesagt: Mir ist das manchmal noch fremd. Ich muss das üben. Ich versuche es mit meinen Freunden und mit meiner Familie.

 
 
 

2 Kommentare


Je Sa
Je Sa
12. Jan.

Liebe Ronja, danke für deine Gedanken! Es ist nicht unser Naturell auf Gott zu vertrauen. Das, was wir von Klein auf in dieser Welt lernen ist: "Du bist deines eigenen Glückes Schmied, wenn du was erreichen willst, dann musst du dich halt anstrengen." Aber dass wir gar nicht alles alleine schaffen müssen und dass wir mit Gott rechnen dürfen, in ALLEN Dingen, das ist wirklich ein Lernfeld. Aber es ist ein Lernfeld, das zum Loslassen ermutigt und Erleichterung bringt.

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mmgaffron
11. Jan.

Oh ja!!! AMEN! In diesem Lernfeld bin ich auch seit einiger Zeit. Und je mehr ich es übe und verstehe, desto mehr bin ich über den Atheismus in unseren Gemeinden erschrocken. Aber es gibt Vorbilder, von denen ich diese neue Sprache lernen kann. Allerdings treffe ich sie oft an unerwarteten Orten, und meistens außerhalb von Kurchenmauern.

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