Das Wundermittel der Therapie
- 21. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Während ich tagelang krank auf dem Sofa liege, lese ich „Die Stunde des Herzens“. Autor ist der weltbekannte Psychotherapeut Irvin D. Yalom. In seinem Buch, am Ende seines Lebens angekommen, stellt er sich die Frage: Was eigentlich macht Therapie so hilfreich? Warum heilen Menschen, wenn sie mit einem Therapeuten sprechen?
Ich liebe Therapie. Tausende von Euro habe ich für sie ausgegeben. Sie hat mir geholfen frei zu werden von jahrelanger Depression, Angstzuständen, Essstörungen, Arroganz und ungesunder Abhängigkeit in Beziehungen. Irvin Yalom weiß auch, wie man im therapeutischen Gespräch die Angst vor dem Tod, Zwangsstörungen oder sexuelle Krisen besiegt. Ich glaube, meine konservativ gläubigen Großeltern haben es für Zauberei gehalten. Denn wie soll ein Mensch das alles heilen können?
Als ich einmal nach einer Therapiesitzung nach Hause kam, fragte mich jemand aus meiner Familie skeptisch: „Und, was hat dir das jetzt gebracht?“ „Ich habe Mitgefühl bekommen.“, antwortete ich. „Mitgefühl? Und dafür hast du 100€ gezahlt? Das ist doch lächerlich.“ Für mich war aufrichtiges Mitgefühl 100€ wert. Weil ich das Mitgefühl - und vieles mehr - anderswo nicht gefunden habe.
Yalom teilt seine Erkenntnis nach sechzig Jahren Psychotherapie: „[Die Menschen kamen zu mir, weil sie Sehnsucht nach menschlicher Verbindung haben.] Die Menschen dürsten nach engeren, besseren Beziehungen(…). Das mag einfach klingen, und doch hatte die überwältigende Mehrheit meiner Patientinnen und Patienten genau damit Schwierigkeiten.“
Wir suchen gute Beziehungen. Solche, die geprägt sind von „Nähe, Zuneigung, Vertrautheit – jede Form, die auf eine warmherzige, zartfühlende Öffnung von Mensch zu Mensch hinweist.“, sagt Yalom. Therapie sollte der Ort sein, wo man eine solche Beziehung erlebt und übt. Was ist also das Wirksame an Therapie? „Es ist die Beziehung, die heilt.“, fasst Yalom seine ganzen therapeutischen Erkenntnisse zusammen.
Das Buch ist faszinierend. Der über 90-jährige Dr. Yalom leidet mittlerweile unter Demenz, aber er vermeidet dieses Wort. Er kann sich an seine Patienten nicht mehr erinnern. Er kann nur noch Einzelsitzungen, einmalige Begegnungen, anbieten, bei denen er sich nicht auf sein Langzeitgedächtnis verlassen muss. Und was bietet er in dieser kurzen Zeit seinen Patienten? Eine heilsame Beziehung. Für manche eine völlig neue Art des Umgangs. Eine warmherzige Präsenz. Erkenntnisse. Anleitung. Akzeptanz. Ehrliches Feedback. Zuwendung. Dinge, die viele uns woanders nicht finden. Für manche etwas, das sie nie erlebt haben. Eine Begegnung, die ein Beispiel ist, das wir in unser eigenes Leben übertragen können.
Aber die Therapie ist nicht der einzige Ort, wo ich diese heilsamen Beziehungen erleben durfte. Gott sei Dank! Denn mein Geld hätte nicht für so viel Heilung gereicht, wie ich gebraucht habe. 2018 schlug ein Freund von mir vor einen Gebetskreis zu gründen. Mehr aus religiösem Pflichtgefühl gründete ich eine What’sApp-Gruppe und fügte 20 Menschen hinzu, die ich zum Teil kaum kannte. Jeden Mittwochabend würde ich aber mein Haus öffnen für alle, die 90min zusammen beten wollten.
Das Experiment war faszinierend. Denn mir lag es am Herzen, dass wir die Zeit wirklich zum Beten nutzten. Für uns waren die Regeln unausgesprochen klar: Keine Verurteilung, nur Mitgefühl. Und dann haben wir Gott unser Herz ausgeschüttet: Angst, Wut, Dankbarkeit, Fragen, Sorgen, Träume, Wünsche – alles das haben wir Gott und einander erzählt. Wir haben auch füreinander gebetet. Das war für mich der wirksamste Teil: Wenn wir die Anliegen der anderen zu unseren eigenen machten. Wenn einer hörte, wie der andere für ihn betete. Um Heilung. Um Weisheit. Um Hilfe. Um Führung. In dieser Zeit wurden für mich aus Fremden Familie. Noch nie habe ich erlebt, dass so schnell so tiefe Beziehungen entstehen. So muss Kirche sein!, dachte ich.
Das Heilsame ist die Beziehung, sagt Yalom. Nicht irgendeine Beziehung. Sondern eine Beziehung die geprägt ist von Warmherzigkeit, Nähe, Offenheit, Akzeptanz, Mitgefühl, Wertschätzung, Ehrlichkeit, Vergebung, Dienst und Anteilnahme.
Ich könnte mir keinen anderen Ort vorstellen, wo man all das besser lernen könnte als in der Kirche. Nächstenliebe auf Augenhöhe. In Theorie und Praxis. Ich weiß, dass viele Menschen Kirche so nie erlebt haben. Und es macht mich traurig, dass viele das Wort Kirche mit allem anderen als mit Liebe, Nähe und Akzeptanz verbinden. Aber wir können die Kirche nicht aufgeben. Es gibt kaum einen anderen Ort in dieser Gesellschaft, der uns einen Raum bietet, wo wir diese heilsamen Beziehungen in der Theorie studieren und in der Praxis üben können. Die ersten Christen waren so eine heilsame (wenn auch unperfekte) Gemeinschaft. Ihr Beispiel in der Bibel ist faszinierend. Sie haben sogar ihren Besitz miteinander geteilt, jeden Tag zusammen gegessen.
Das Wichtigste an der Kirche ist, dass sie heilsame Beziehungen bieten kann. Oder zu mindestens einen Raum, wo wir dazu angeleitet werden, wie das geht und wo wir es üben können. Diese Art von Beziehung zu verbreiten und uns dazu fähig zu machen. Das ist die christliche Mission. Das ist Gottes ganzes Ziel für uns. Ich habe das erlebt. All diese heilsamen Begegnungen haben mich verändert. Sie haben mich befreit von Depression, Angst, Starre, schwarz-weiß-Denken und vielem mehr. Und diese Art von Beziehung möchte ich in diese Welt tragen.
Unsere Gesellschaft dürstet nach Therapie. Die Wartelisten sind unendlich lang. Die Kosten sind hoch. Ich würde der Welt gerne sagen: Kirche – in Gottes Sinne – ist die beste Gruppentherapie, die es gibt! Mögen wir Kirche zu so einem Ort machen und diese Art von Beziehung lernen. Weil die Welt und wir es dringend brauchen.
(Und weil die Leute in der Kirche eben alle Anfänger sind und das oft noch nicht so gut können - oder nicht ganz so viel Kraft und Zeit haben wie wir brauchen, um alles zu lernen - dafür gibt es dann die Psychotherapeuten ;-) .)




Ich bin so stolz auf dich! 👏 Noch nie hast du etwas verurteilt. Wenn du etwas nicht verstanden hast, hast du versuchst es zu verstehen. Das macht dich schon immer aus. Stärken, Schwächen - Du kennst sie alle & heilst sie ganz auf deine eigene Weise. Aber immer mit Gott & der Kirche an deiner Seite. Ich bin so sehr stolz auf dich! 👍