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Bei Lamm und Reis und grünem Tee

  • 16. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Dez. 2025


Kann man dreißig Jahre lang die Bibel lesen und so viel übersehen? Immer mehr fallen mir so große wichtige Themen in der Bibel auf, die ich nie gesehen habe, weil ich so viel mit den Details beschäftigt war.


Zum Beispiel im Lukasevangelium: Wusstest du, dass eines der zentralsten Themen das gemeinsame Essen ist? Es gibt über 20 direkte Ess- und Tischszenen, über 30 Bezüge zu Essen, Trinken, Hunger, Brot, Festmahlen und mindestens 10 zentrale Szenen, die explizit am Tisch spielen. Rund ein Drittel des Evangeliums enthält Essens- oder Gastmotive. Gemeinsames Essen ist hier enorm wichtig.


Der Hintergrund ist:


1)        Gemeinsames Essen war ein wichtiger Teil des Alltags. Und Jesus begegnete den Menschen vor allem in ihrem Alltag – nicht bei besonderen Veranstaltungen oder an religiösen Orten. Er redete über religiöse Dinge in dem Zuhause der Menschen und inmitten ihrer Freunde und Familie (nicht inmitten von Fremden, wie in der Kirche). Es war ihm egal, ob sie den Ruf von Kriminellen oder Scheinheiligen hatten. Jesus nahm jede Einladung an. Keine Gesellschaft war ihm unangenehm.

 

2)        Essen symbolisiert Freundschaft in der orientalischen Kultur. Durch eine Einladung und reichliches Essen zeigt man dem anderen Wertschätzung. Wenn man die Einladung annimmt, gibt man Wertschätzung zurück. Es war Jesus wichtig, Wertschätzung zu zeigen durch sein Verhalten.

 

3)        Essen entspannt. Essen öffnet. Essen verbindet. Beim gemeinsamen Essen entsteht eine lockere Atmosphäre, gute Laune. Man kann sich dezent zurückhalten oder tiefe Gespräche führen. Jeder fühlt sich wohl vor einem warmen vollen Teller. Dabei geht es nicht darum einfach durch Snacks satt zu werden, sondern gemütlich Zeit miteinander zu verbringen.


Ich glaube, dass dieses Thema besonders in unserer modernen Gesellschaft eine ganz besondere Relevanz hat. In über 40% aller Haushalte in Deutschland lebt nur eine Person. Ein Viertel der deutschen Erwachsenen fühlt sich sehr einsam. [1] Shawn Brace (Pastor) sagt in einem Podcast: Der erste Schritt, den wir als Kirche gehen sollten, ist, unsere Nachbarn zum Essen einzuladen und einfach mit ihnen Zeit zu verbringen. Das ist wichtiger als jeder Gottesdienst: zu den Menschen zu gehen und mit ihnen entspannte Zeit zu verbringen.[2] Das war eine der Hauptbeschäftigungen von Jesus.


Ist das zu einfach? Oder wie kommt es, dass wir einfach übersehen haben, dass „Kirche“, „Lehre“, „Mission“ und „Bekehrung“ in der Bibel so oft beim gemeinsamen Essen in den Häusern der Leute passiert, die gar nicht zu den Freunden von Jesus gehören? Es sollte einer der Orte sein, an denen wir uns am meisten aufhalten: am Tisch der Menschen, die uns einladen. (Oder bei uns zuhause, wenn wir sie einladen). Es könnte vielleicht auch beim Joggen sein oder beim gemeinsamen Hundespaziergang. Beim Laternenfest im Kindergarten oder am Lagerfeuer beim Camping-Urlaub.


Jesus triftt die Menschen dort, wo sie sich am wohlsten und am sichersten fühlen - in ihren eigenen vier Wänden. Im kleinen Kreis. Auch, wenn es bei uns unüblich geworden ist, Menschen einzuladen und sich sicher nicht jeder damit wohlfühlt. Manche Menschen werden vielleicht lieber von uns eingeladen. Aber es war in ihren Wohnungen, wo sich in den Geschichten von Jesus die Menschen dazu entschieden haben, ihr ganzes Leben zu ändern und ihre Fehler wiedergutzumachen (zuhause bei Zachäus). Hier hat Jesus die Sicht der Menschen korrigiert und erklärt, was wirklich wichtig ist (zuhause bei Simon). So hat Jesus Menschen gezeigt, dass er für sie sorgt (auf der Hochzeit in Kana, die Vermehrung der Brote). Hier hat Jesus Menschen geheilt und erklärt, was für Gott wirklich wichtig ist (zuhause bei einem Pharisäer, Lukas 14). Hier sahen sie sein anderes Verhalten und fragten ihn, warum er anders lebt (zuhause bei einem Pharisäer, Lukas 11). Hier haben sie ihn wirklich kennengelernt (Pharisäer). Hier haben sie ihm ihre Hingabe gezeigt (Maria). Hier haben die Menschen Frieden und Freiheit und Heilung und den guten Weg gefunden.


Wenn uns jemand fragt: Was sind Adventisten? Wie wäre es, wenn wir antworten könnten: „Das sind Menschen, die wie Jesus mit Leuten Abendessen, die nicht zur Kirche gehören.“? Das Thema „Essen mit den anderen“ kommt in den Geschichten von Jesus viel häufiger vor als der Sabbat. Und was über den dampfenden Tellern passiert, ist entscheidend. Ich wünsche mir, dass wir Menschen wie Jesus werden und uns Zeit nehmen, Einladungen anzunehmen und bei den Menschen zu essen. Bei Menschen, die ganz anders sind als wir. Aber die es zu schätzen wissen, wenn wir uns Zeit für sie nehmen.


Noch eine Anmerkung der Sozialarbeiterin: Für alle Menschen, die aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Somalia geflohen sind, gibt es keine größere Ehre als uns Deutsche bei sich zuhause zu empfangen. Nichts tun sie lieber, als für uns zu kochen. Keinen größeren Wunsch haben sie, als mit uns ein Stück Freundschaft zu erleben. In der Rolle als Gastgeber können sie uns in Würde etwas geben – anstatt immer nur Bittsteller oder Unwissende sein zu müssen. Dafür kochen sie die leckersten Gerichte. (Das Bild oben ist so ein Beispiel. So sieht es aus, wenn ich meine afghanische Freundin besuche.) Wenn wir nur zu ihnen kämen – für sie wäre es wie Weihnachten für uns. Und wie oft habe ich sitzend auf ihren Teppichen mit ihnen gebetet oder ihren tränenreichen Geschichten zugehört. Ich habe sie kennengelernt und sie mich. Über Lamm und Reis und grünem Tee. (Meine deutschen Freunde kommen lieber zu mir. Viele sind es nicht gewohnt, Gastgeber zu sein oder schämen sich. Aber dann lade ich sie zu mir ein und sie kommen immer gerne.)


Noch ein letzter Satz: Wusstest du, dass dies das ganze Ziel der Menschheitsgeschichte ist – ein gemeinsames Essen? Das ist der Moment, wenn Jesus wiederkommt, auf den alle Adventisten - und auch alle Muslime – warten. Gott will endlich mit uns essen! Ein Festmahl – er muss wohl selbst gekocht haben:


„In Jerusalem wird der HERR, der Allmächtige, ein großes Fest für alle Völker ausrichten. Es wird köstliches Essen geben, fette Speisen und leckeren Wein, Markspeisen und erlesene Weine. Er wird dann auf diesem Berg die Binde, die das Gesicht aller Völker verhüllte, abnehmen und die Decke, die über den Völkern ausgebreitet war, wegziehen. Den Tod wird er für immer beseitigen. Gott, der HERR, wird die Tränen von allen Gesichtern abwischen und die Schande, die seinem Volk angetan wurde, überall auf der Erde wegnehmen. Dies hat der HERR ja versprochen! Dann wird das Volk sagen: »Dies ist unser Gott! Auf ihn haben wir gewartet und er hat uns gerettet. Dies ist der HERR, auf den wir unsere Hoffnung gesetzt haben.“


Jesaja 25,6-9



Foto: Ronja Wolf

 
 
 

2 Kommentare


m.magel
21. Dez. 2025

Wie immer ein sehr schöner Text! Und so nah am Leben dran - vorallem jetzt, in der (Vor-)Weihnachtszeit! Danke für all die kulturellen und biblischen Einblicke wieder. Es ist mir ein Fest, das ich mit anderen teilen möchte ❤️

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ronja-wolf
11. Jan.
Antwort an

Dankeschön. :-) Und entschuldigung für die späte Antwort wieder... 🙈

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