Mein Umgang mit den Nachrichten
- 1. März
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Mich betreffen die Nachrichten wahrscheinlich direkter als viele andere. Dass die Hälfte der Integrationskurse gestrichen wurden, ist für mich eine nationale Katastrophe. 50% meiner Schüler werden in Zukunft keinen Schulabschluss und keine Ausbildung mehr machen können. Bei der Niederschlagung der Aufstände im Iran wurden von zwei meiner Schüler allein vier Angehörige getötet. Ich telefoniere mit Menschen, die im Iran wohnen und kenne die Namen derer, die in Kabul leben.
Darum habe ich im Januar wochenlang die Nachrichten mitverfolgt und gewartet: Wann fallen die Bomben? Heute? Morgen? Wo genau? Lass uns beten, dass es nicht passiert! Kann ich auf die Straße gehen, damit die Ausländer wieder Deutsch lernen dürfen und Krankenpfleger werden können? Ich war nur noch aufgewühlt.
Irgendwann dachte ich mir: Eigentlich ist es egal, wann die Bomben fallen – heute oder in zwei Monaten. Verhindern kann ich es sowieso nicht. Ich muss so oder so vertrauen, dass Gott versorgen wird – selbst, wenn sie in Deutschland fallen. Und ganz ehrlich: Bei den Aufständen sind wahrscheinlich viel mehr Menschen gestorben als bei diesem Krieg im Iran so schnell sterben werden. In Nordkorea sterben sie jeden Tag wie die Fliegen. In der Ukraine sowieso. Im Mittelmeer auch. Und wen interessiert das noch? Und wofür genau muss man das wissen? Und wenn ich wegen der neuen Politik meine Stelle verlieren - auch dann wird Gott für mich sorgen.
Nachdem ich vier Wochen jeden Tag voll Sorge die Nachrichten fast stündlich gelesen hatte, konnte ich irgendwann nicht mehr schlafen. Die Nachrichten haben nämlich vor allem eins bewirkt: Sie haben meine Angst und meine Sorgen genährt. Was sie bei vielen Menschen auch bewirken: Das Mitgefühl stumpft ab. Sie lähmen. Sie richten die Aufmerksamkeit von der Not in unserem Umfeld auf Teile der Welt, in denen wir gar nicht wirken können.
Als ich in der dritten Klasse zum ersten Mal mit meiner besten Freundin ins Kino gehen wollte, nahm mich Mutter beiseite und schärfte mir diesen Bibeltext ein: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus kommt das Leben.“ (Sprüche 4,23) Was sie damit meinte war: Pass auf, was du dir anschaust. Denn es wird in deinen Gedanken und Gefühlen bleiben. Es wird dich beschäftigen und dich formen.
Irgendwann hörte ich einmal den wunderschönen Vergleich, dass unsere Seele wie ein stiller See sein muss, damit sie den Himmel spiegeln kann. Ich habe das sofort verstanden: Wenn ich selbst ruhig, voller Vertrauen und Frieden bin, dann ich bin ich die beste Version meiner selbst. Dann kann ich Gottes Wesen wiederspiegeln. Wenn ich ängstlich, gestresst und voller Sorge bin, dann bin ich unkonzentrierter, mehr auf mich selbst bezogen, werde schneller gereizt und ärgerlich und habe weniger Mitgefühl. Der Friede in mir ist die Grundlage für mein Mitgefühl und meine Großzügigkeit. Angst und Sorge machen mein Herz eng und dunkel.
Bei mir persönlich bewirken die Nachrichten genau das: Sie bewirken mehr Angst und mehr Sorge. Zwei Dinge, die Gott auf jeden Fall nicht in unserem Herz wachsen lassen will. Im Gegenteil: Er wünscht sich, dass wir Vertrauen und Frieden haben – selbst, wenn die Welt um uns herum im Chaos versinkt. Und das wird sie tun, das beschreibt die Bibel sehr detailliert. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich brauche fünfmal mehr Zeit im Gebet, um all mein Vertrauen und meinen Frieden wiederzufinden, wenn ich ständig die Nachrichten verfolge.
Ich liebe auch die Geschichte von den zwei Wölfen: Es kämpfen zwei Wölfe in unserem Herzen. Der eine ist der weiße Wolf, der für Frieden, Freundschaft, Mitgefühl, Hoffnung und Liebe kämpft. Und dann ist da noch der schwarze Wolf, der in sich den Neid, die Angst, die Wertlosigkeit, die Selbstsucht und die Hoffnungslosigkeit trägt. Der Kampf dauert unser ganzes Leben lang. Und welcher Wolf wird diesen Kampf gewinnen? Es ist der, den wir füttern. Welchen Wolf füttern wir – und womit?
Was bewirkt es wirklich, wenn wir uns mit den Krisen in anderen Ländern oder dem Horror in unserem Land regelmäßig beschäftigen? Nährt es unser Vertrauen, unseren Frieden und unser Mitgefühl gegenüber den Menschen, die hier in unserer Stadt Hilfe brauchen? Werden wir dadurch wirklich bessere Bürger? Engagierter in der Politik? Noch mehr: Bewirkt es, dass wir uns um die Menschen in Not vor unserer Haustür kümmern? Gibt uns das mehr Kraft? Oder lenkt es uns eher ab, verschluckt unsere wertvolle Zeit, vermehrt die Angst und Sorge in unserem Herzen?
In diesen Wochen fasten Christen und Muslime erstmals gemeinsam. Praktisch alle in meiner Schulklasse fasten – jeder auf seine Art. Ich bin nicht mit dem Fasten großgeworden, mir ist das eher fremd. Aber ich habe mir überlegt: Was würde mir helfen, mich mehr auf das Gebet zu konzentrieren? Wäre es nicht schön, wenn ich vier Wochen ganz bewusst Gott widme und sie zu einer besonderen Zeit mache? Wenn ich mir mal für ein paar Wochen mehr Zeit für Gott nehme als sonst? Und was würde mir dabei helfen? Wirklich nichts zu essen? Oder keinen Zucker zu essen? Oder kein Handy zu benutzen?
Mir war ganz schnell klar: Das Sinnvollste, was ich machen kann, ist es „Nachrichten zu fasten“. Und stattdessen genau diese Zeit, die dadurch frei wird, für die Stille zu verwenden. Mir Frieden schenken zu lassen – genau dann, wenn die Welt um mich herum am meisten Angst hat. Meinen Fokus auf Gott zu richten. Mich mit der Hilfe und dem Retter zu beschäftigen anstatt mit der Not und den Zerstörern.
Es geht nicht darum, dass man nie die Nachrichten anschauen darf. Aber sie liefern für uns nicht die Informationen, die wir wirklich brauchen. Sie sollten kein Hauptnahrungsmittel für unser Herz sein. Das ist Gift und für viele ängstliche Menschen mit Vorsicht zu genießen. Ja, ich liebe unserer Demokratie und man muss sich informieren, was geschieht und wen man wählt. Aber das kann man dosieren. Häufig dienen die Nachrichten – auch für mich – aber eher der Unterhaltung. Sie lenken uns ab von unseren eigentlichen Problemen und dienen unserer Sensationsgier nach etwas Neuem und Aufregendem.
Paulus sagt ganz klar, was unser Fokus sein soll:
„Richtet also eure Gedanken nach oben und nicht auf die irdischen Dinge!“
(Kolosser 3, 2)
„Und nun, liebe Freunde, lasst mich zum Schluss noch etwas sagen: Konzentriert euch auf das, was wahr und anständig und gerecht ist. Denkt über das nach, was rein und liebenswert und bewunderungswürdig ist, über Dinge, die Auszeichnung und Lob verdienen.“
(Philipper 4,8)
Konzetriere dich auf das, was Gutes bewirkt in dieser Welt! Das ist doch das Relevante!
Mögen wir weise wählen, womit wir unser Herz und unsere Gedanken füttern. Mögen wir darauf achten, was unser Konsum in uns bewirkt – egal, um welche Filme, Bücher oder Nachrichten es geht. Mögen wir ehrlich sein, was für uns gesund ist und was nicht. Und möge unser Ziel klar sein: Dass wir ein Herz haben, dass im Vertrauen auf Gott ruht und aus der Freude in Gott lebt. Ein Herz, das Liebe weiter fühlt, wenn sie bei anderen erkaltet. Mögen wir uns mit Himmlischen mehr füllen als mit Irdischem. Mögen wir weise überlegen, wie wir wirklich ein Licht bleiben können in einer Welt, die immer dunkler wird. Beschütze dein Herz.
Zum Schluss noch die Frage: Was hilft wirklich gegen die Angst in dieser Welt? Was brauchen wir wirklich, wenn ein Krieg ausbricht?
1) Körper-Kontakt: lange Umarmungen, Sex, Küssen – das senkt den Cortisol-Spiegel und macht uns ruhig.
2) Natur-Kontakt: die Hände in der Erde, das Gesicht in der Sonne, die Farbe Grün, Waldbaden, einen Hund streicheln – auch das hilft nachgewiesen gegen Depression.
3) Stille (Gott-Kontakt): schweigen, auf Gott hören, lange ausatmen, bewusst zur-Ruhe-kommen, sich erinnern – das gibt inneren Frieden und lässt unser Herz tatsächlich langsamer schlagen.



Noch nie habe ich mich zu 💯 Prozent mit einem Blogeintrag identifizieren können wie diesen. Hätte man mich auf der Straße zu meiner Meinung oder meinen Gedanken bezüglich der aktuellen Nachrichten und Geschehnissen gefragt, ich hätte all das geantwortet. Stumpft mich diese Grausamkeit ab? Vielleicht. Ich kann gefühlt gar nicht mehr erschrocken sein von all dem Leid oder lokale Entscheidungen, die getroffen werden in unserem Land. Fühle ich mich manchmal machtlos? Wahrscheinlich. Mündige Bürger sein. Was wurde uns das in der Schule gelehrt 👩🏫 Doch was, wenn ich trotzdem das Gefühl habe, nichts ändern zu können? Ich gehe nicht auf die Straße, ich demonstriere still und leise 🤐 In meinem Kopf, in meinem Herzen ♥️ Bringt das etwas, ruft eventuell…