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Biblische Erotik

  • 28. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

Diese Woche musste ich meine Kollegin vertreten und im Biologie-Unterricht Sexualkunde für meine erwachsenen Ausländer unterrichten. Dabei habe ich auch zum ersten Mal eine Stunde lang das Thema „Genitalbeschneidung“ bei Frauen besprochen: Frauen wird die Klitoris abgeschnitten, damit sie nicht fremdgehen. Das betrifft knapp 300 Millionen Frauen auf dieser Welt. Darunter viele von meinen Schülerinnen. Es ist ein afrikanischer Brauch – auch unter Christen! Warum machen Menschen so etwas? Weil ihnen die Bildung fehlt. Sie kennen die Funktionen des menschlichen Körpers nicht, was dazu führt, dass sie glauben, man braucht es nicht. Weil die Lust (der Frauen) hier auch gar nicht das Ziel ist. Obwohl Gott ihnen - im Gegensatz zu Männern - ein Organ geschenkt hat, dass ausschließlich dem Lustempfinden dient.


Genau wie meine Hauptschüler habe ich im Biologieunterricht die Themen Pubertät, Fortpflanzung, den weiblichen Zyklus und Verhütung gelernt. Etwas, das viele amerikanische konservative Christen ablehnen. Es ist immer noch weit verbreitet in allen (auch christlichen) Teilen der Welt, dass die Beschäftigung mit sexuellen Themen etwas „Schmutziges“, „Gefährliches“, „Sündiges“ ist. Worüber wir in der Schule nichts gelernt haben: Was macht Sex schön? Wie funktioniert eine Beziehung auf Dauer gut? Was ist Liebe? Was ist Erotik?


Nun könnte man entweder meinen: So etwas muss man nicht lernen, das lernt man automatisch. Oder: So etwas lernt man doch zuhause. Das ist Aufgabe der Eltern und die bringen das ihren Kindern auch tatsächlich bei. Wenn nicht – nicht so schlimm. Dabei war bis 1977 gerichtlich in Deutschland festgelegt, dass Sex eine eheliche Pflicht war. Das hatte nichts mit Liebe und nichts mit Erotik zu tun.


Aus diesem Grund nahm eine Verwandte aus unserer Familie einmal mich und meine Schwester als Teenager beiseite ins Wohnzimmer an den Esstisch und erklärte uns sehr ausführlich und sehr ernst, dass wir niemals heiraten sollten. Der Mann wolle immer etwas anderes als die Frau. Man müsse dann die Fäuste zusammenballen und „das“ über sich ergehen lassen. Man könne in einer Ehe nur unglücklich werden. Das war das längste Gespräch in meiner Familie zum Thema „Sex“ und „Ehe“, an das ich mich erinnern kann.


Wir reden als Adventisten zum Beispiel sehr viel über den Sabbat. Dabei spricht die Bibel statistisch gesehen mehr über das Thema Sexualität. Traurigerweise reden viele Christen bei diesen Themen vor allem über die Verbote – was man nicht machen darf. Und so wird der Sabbat – wie auch oft Sex – zu einer freudlosen Pflichtübung. Theologisch sind beide gleichwichtig, weil sie beide ihren Ursprung im Paradies haben. Beide sind ein Hinweis auf das Paradies. Aber man muss schon wissen wie – sonst werden sie schnell eher Last als Lust.


Das Spannende ist, dass die Bibel ein ganzes Buch alleine der Erotik widmet: das Hohelied. Hier geht es überhaupt nicht um Moral oder Vorschriften. Der Rahmen ist wichtig – all die anderen Texte zum Thema Sexualität. Aber der Inhalt ist doch viel wichtiger als der Rahmen. Das Ziel all der Regeln ist es schließlich den Inhalt zu schützen. Und diesen schönen Inhalt nennt man nicht „Sex“ – das wäre viel zu kurz gegriffen. Man nennt ihn „Erotik“: Die Lust am Leben, am Mensch-sein, an der Nähe, an der Körperlichkeit, am Liebhaben. Und natürlich soll sie „Beziehungen“ schützen – die Treue, den Frieden, das sich-fallen-lassen-können, das Zuhause, die Freundschaft, das Gefühl von Sicherheit und Ruhe.


Wenn ich ehrlich bin: Das meiste, was die Kirche öffentlich zum Thema Sex sagt und worum sich die Diskussion dreht, ist der Rahmen: Wann? Mit wem? Die Schule beschäftigt sich im Biologie-Unterricht mit dem: Wie? Die Bibel beschäftigt sich mit dem: Was?


Die Bibel holt aus dem Thema Sex und Ehe theologisch das Maximum heraus:

In der Schrift heißt es: »Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die beiden werden zu einer Einheit.« Das ist ein großes Geheimnis, aber ich deute es als ein Bild für die Einheit von Christus und der Gemeinde.

Epheser 5, 31-32


Die Beziehung zwischen Mann und Frau als Einheit. Sexualität als Einheit. Wenn das Wünschen und Denken übereinstimmt. Wenn beide das gleiche wollen und fühlen. Ist uns klar, dass das den gesellschaftlichen Erfahrungen und Gesetzen völlig widerspricht? Bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar! In ihrem Buch „Das Lieben danach“ von Helene Bracht beschreibt sie, wie ihr kriegsversehrter Vater manchmal plötzlich mitten am Tag die Schlafzimmertür aufriss und schrie: „Erna, jetzt!“ Und dann musste Erna – ob sie wollte oder nicht. Schön war es nie. Eine Einheit? Vielleicht biologisch. Aber nicht emotional.


Wir können entweder sagen: „Das Thema ist nicht wichtig.“ Aber in der Bibel ist es wichtig. In der Bibel ist vor allem der Aspekt der Liebe wichtig und dass beide Begehren und Frieden empfinden. So verstehe ich das Hohelied.


Wir könnten auch sagen: „Die Welt redet doch schon genug darüber. Das müssen wir nicht auch noch.“ Aber wo in der Welt wird Erotik wirklich mit einem Zuhause und selbstloser Liebe verknüpft? Die meisten lernen das Thema Sex in der Jugend heute praktisch nur über Pornos kennen – wo auch sonst?


Ich finde: Die Adventisten müssten die schönste Sexualethik präsentieren, die es gibt. Niemand sollte es besser können als wir. Und diese Botschaft wäre nicht weniger wichtig als der Sabbat oder die Zukunft der Welt. Weil unter selbstsüchtig ausgelebtem Sex sehr, sehr viele Menschen leiden. Weil es oft das ist, was uns in der Welt beigebracht wird. Und weil auch die Vorstellung, dass die Frau dabei gar keine Lust haben darf, kann oder braucht viel zu weit verbreitet ist.


Ich wünsche mir, dass wir laut anfangen über lustvolle Erotik zu reden – weil die Bibel so viel darüber redet. Ich wünsche mir, dass wir über liebevoll ausgelebte Lust reden – weil das in großen Teilen der Welt schlichtweg unbekannt ist (siehe Genitalverstümmelung und Gesetze zur ehelichen Pflicht). Ich wünsche mir, dass wir als Kirche klarmachen, dass jeder Rahmen nur dem Inhalt dient: stabile, glückliche, dauerhafte, respektvolle und fröhliche Beziehungen zu erleben. Und dass wir ganz konkret und praktisch darüber reden, wie das funktioniert:


Wie erlebt eine Frau Lust? Wie kann ich mit meinem Partner über das reden, was ihm oder mir gefällt? Wie kann ich den anderen gewinnen, verführen, besser kennenlernen? Warum ist Sex so wichtig für eine Beziehung? Wie kann man körperliche Nähe und die Freude daran wiederfinden, wenn sie verloren gegangen ist? Wie wird Sexualität liebevoll – wann wird sie gewaltvoll? Wie gehen wir mit körperlichen Bedürfnissen um, wenn wir keine Partner finden? Wie heilt man Traumas durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit? Wozu dienen welche Verbote wirklich? Was sagt uns das Hohelied?


Was ist unsere Botschaft zum Thema Sexualität für diese Welt? Denn ich glaube, wir haben eine sehr wichtige. Ich glaube, wir hätten die schönste Botschaft. Und wir schweigen zu viel.


Weil wir uns schämen? Weil uns nicht klar ist, dass viele Bibeltexte häufig lieblos und unbiblisch interpretiert wurden? Weil wir das Thema für unwichtig halten? Weil uns nicht klar ist, wie sehr es die Menschen beschäftigt? Weil wir selbst so negative Erfahrungen damit gemacht haben? Oder weil wir tatsächlich das für sündig halten, was die Bibel feiert?


Ich glaube, dass Gott das Bild von Sexualität in dieser Welt erlösen will – erlösen von der Selbstsucht, von der Unterdrückung, von der Pflicht, von der Ausbeutung, von der Freudlosigkeit, von dem Schmerz. Hin zu Augenhöhe, Respekt, Zugehörigkeit, Kreativität, Frieden, Liebe, Freude und Lust.

 
 
 

2 Kommentare


Jeany
28. Feb.

Wow, vielen Dank für diesen tollen Text! Wie so oft triffst du mit den richtigen Worten genau ins Schwarze und einen Nerv!

Der Umgang mit diesem Thema ist so traurig und leider prägt dieser Umgang viel zu viele Menschen und gibt jungen Erwachsenen von Anfang an einen falschen Ansatz. Echt toll, dass du dich an das Thema herangewagt hast ❤️

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ronja-wolf
27. März
Antwort an

Das freut mich sehr! Danke für deinen lieben Kommentar! :-)


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